Außenminister Fabius: Wirtschaftsdiplomatie – eine Priorität für Frankreich [fr]

JPEG In einem Gastbeitrag der Wirtschaftszeitung Les Echos vom 23. August 2012 kündigt Außenminister Laurent Fabius eine bessere Unterstützung der Unternehmen und der Innovation durch die Diplomatie an.

" Wirtschaftsdiplomatie – eine Priorität für Frankreich"

Angesichts der gegenwärtigen schwierigen Wirtschaftslage muss die Wirtschaftsdiplomatie zu einer der obersten Prioritäten des französischen Außenministeriums werden.

Natürlich kann noch soll die Regierung die Unternehmen ersetzen und das Außenministerium ist auch nicht das einzige zuständige Ministerium, aber es muss den vom Staatspräsidenten vorgegebenen Kurs tatkräftig unterstützen: die gerechte Belebung der Wirtschaft. Unser jährliches Handelsdefizit – das einzig wahre Barometer – beträgt über 70 Milliarden Euro; den letzten Überschuss hatten wir 2002, und nicht alles lässt sich durch die Preisexplosion beim Erdöl erklären: Diese Situation erschwert ein mögliches nachhaltiges Wachstum.

Wir wissen, dass der Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit von „Made in France“ zu den wichtigsten Aufgaben gehört. Wir müssen uns ihr ohne Vorbehalt widmen, insbesondere über den Auftrag, den der Premierminister (…) Louis Gallois anvertraut hat. Aber die zu bewältigende Aufgabe geht darüber hinaus. Unsere gesamten privaten und öffentlichen Mittel müssen für die Belebung der Wirtschaft mobilisiert werden. Das Außenministerium wird seinen vollen Anteil dazu leisten.

Es geht dabei ebenso um Einfluss wie um Wachstum. China, Indien und Brasilien generieren heute die Hälfte des gesamten globalen Wachstums.

Unsere Außenhandelsbilanz wirkt sich auch auf unsere internationale Glaubwürdigkeit aus. Zwar wird unserer Diplomatie, in der die besten Experten zusammenarbeiten, einhellig bescheinigt, den Erwartungen in wirtschaftlichen Belangen gerecht zu werden, aber unser System bleibt dennoch uneinheitlich, die KMU werden weniger unterstützt als die Konzerne, die zentrale Frage der Zusammenhänge zwischen der nationalen Basis unserer Unternehmen und ihrer internationalen Entwicklung wird nicht immer hinreichend erfasst und die Bedeutung ausländischer Investitionen in Frankreich wird bisweilen unterschätzt.

Unsere Außenpolitik muss demzufolge ihre „ökonomischen Reflexe“ erheblich verbessern. Beispiele? Die Anwendung des Gegenseitigkeitsprinzips in internationalen Verhandlungen muss sowohl für das häufig zu blauäugige Europa als auch für Frankreich gelten: Ist es „normal“, dass der Wert der öffentlichen Aufträge an ausländische Unternehmen in Europa 312 Milliarden Euro beträgt und in den USA nur 34 Milliarden? Ist es normal, dass das Prinzip einer gemeinsamen Standortwahl so selten angewandt wird, d.h. eine besser koordinierte Entwicklungsstrategie zwischen Frankreich und den südlichen Ländern im Mittelmeerraum? Sicher nicht.

Unsere Wirtschaftsdiplomatie muss auch ökologisch sein. Nicht nur weil unsere Vorstellung von Entwicklung sich auf die Grundpfeiler Wirtschaft, Umweltschutz und Soziales stützt, sondern auch, weil die französischen Unternehmen, die sich auf nachhaltige Entwicklung spezialisiert haben, zu den weltweit Besten gehören: Auch sie müssen unsere Flagschiffe werden.

In Absprache mit den Experten habe ich demzufolge einen Aktionsplan erarbeitet, den ich in der kommenden Woche auf der jährlich stattfindenden Botschafterkonferenz vorstellen werde. Der „ökonomische Reflex“ fungiert künftig als prioritäre und permanente Richtlinie für unser diplomatisches Netzwerk mit genau festgelegten quantitativen und qualitativen Zielen. Jeder Botschafter steht klar an der Spitze der lokalen „französischen Mannschaft“ und wird in den wichtigsten Ländern von einem Wirtschaftsrat unterstützt. Der Dialog mit den Unternehmen wird insbesondere im Rahmen der Handelsverhandlungen verstärkt. Unsere Mittel in den weltweit dynamischsten Regionen werden erhöht: Unsere diplomatische Präsenz wird besser mit den weltweiten Entwicklungen koordiniert. Unsere Wege der Einflussnahme (Schulen und Kultureinrichtungen im Ausland, Stipendien, wissenschaftliche Zusammenarbeit, Visapolitik, etc.) werden besser auf unsere wirtschaftlichen Zielsetzungen abgestimmt.

Unsere diplomatische Organisation wird angepasst. Eine Abteilung des Außenministeriums wird sich speziell den Unternehmen widmen. Wirtschaftliche Kenntnisse werden in der Ausbildung und der Laufbahn unserer Diplomaten einen höheren Stellenwert einnehmen. Die Kommunikation wird verbessert, damit die Unternehmen stärker von den Analyseergebnissen unserer diplomatischen Vertretungen profitieren können. Gemeinsam mit den Unternehmen und ihren Vertretern werden weitere konkrete Maßnahmen getroffen, die mit sofortiger Wirkung in Kraft treten.

Das Außenministerium steht traditionell für Frieden und Sicherheit und das muss es auch bleiben; aber es muss auch für die Unternehmen da sein. Es wäre paradox, wenn ausgerechnet das Außenministerium als Krisenspezialist angesichts der Wirtschaftskrise nicht aktiv werden würde: Wir werden es.

Indem wir Unternehmen unterstützen, damit Arbeitsplätze geschützt und neue geschaffen werden, dienen wir unserem Land, mit ihnen und durch sie. Das ist eine große Aufgabe, mit der ich unsere Diplomatie beauftrage.

Letzte Änderung 10/07/2014

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