Berlin, Hauptstadt der französischen Schriftsteller [fr]

JPEG So die Korrespondentin des Nouvel Observateur Odile Benyahia-Kouider in einem am 23. November 2012 erschienen Artikel für das Magazin. (Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Autorin)

Für das Pariser Literatenviertel Saint-Germain-des-Prés wird es langsam eng: Marie NDiaye, Jean-Yves Cendrey, Cécile Wajsbrot, Yann Apperry, Mathias Enard und viele andere haben sich in der deutschen Hauptstadt niedergelassen. Jetzt also: Saint-Berlin-des-Prés.

Sie hätten eines der angesagten Viertel Berlins wählen können, Mitte oder Prenzlauer Berg. Doch Marie NDiaye und Jean-Yves Cendrey haben sich einen Ort ausgesucht, der weniger trendy ist, dafür aber legendär: das Le Corbusier-Haus. In dieser strahlenden Stadt mit 530 Wohnungen, die der berühmte französische Architekt 1957 gebaut hat, nur wenige Schritte vom Olympiastadion entfernt, wo die Spiele von 1936 stattfanden, arbeiten die beiden Schriftsteller tagsüber, bevor sie abends in ihre Charlottenburger Wohnung zurückkehren. (…)

Vor fünf Jahren hat sich das Autorenpaar – sie Prix Goncourt 2009 für „Trois femmes puissantes“, er Autor von „Jouets vivants“ (2005) – mit seinen drei Kindern in Berlin niedergelassen. (…)

Vor ihnen waren schon andere französische Schriftsteller auf die Vorzüge Berlins aufmerksam geworden. Seit fünf Jahren jedoch rollt eine neue Welle von nicht zwangsläufig Deutsch sprechenden Autoren, die Berlin als neue Heimat entdeckt haben. 15 französische Autoren leben dauerhaft oder zeitweise in der Stadt. (…)

Das ist selbst für die Deutschen überraschend. „Es ist schon komisch“, so Martina Wachendorf, Lektorin bei Actes Sud, „die Franzosen kritisieren den deutschen Egoismus, aber alle wollen in Berlin leben!“ Und sie wiederholen es ständig: Wie zu Mauerzeiten ist Berlin auch heute noch ein ganz besonderes Pflaster. Selbst wenn die „Gentrifizierung“ in den In-Vierteln immer schneller voranschreitet, so ist Berlin, „arm aber sexy“, wie der Regierende Bürgermeister es genannt hat, immer noch ein El Dorado für kleine Geldbörsen. Die Mieten sind nur halb so hoch wie in Paris. Das zählt bei der Entscheidung der französischen Autoren.

Es ist aber nicht das einzige Argument. Berlin vereint alle Vorteile einer quirligen Kulturhauptstadt, hat aber nicht die Nachteile der riesigen Metropolen, in denen das Leben unerträglich ist. Diese Milde gegenüber dem Leben zieht Künstler aus der ganzen Welt an und hält auch die nicht ab, die wegen der deutschen Geschichte veranlasst sein könnten, Distanz zu halten.

Wie der ungarische Schriftsteller Imre Kertész war auch Cécile Wajsbrot, die sich seit 2002 zwischen Berlin und ihrem Herkunftsland bewegt, nicht gerade prädestiniert dazu, ein Loblied auf die deutsche Hauptstadt zu singen. Ihre jüdisch-polnische Familie hat den Preis des Nazi-Wahns zahlen müssen. Die Wunden sind noch nicht verheilt. (…)

Warum also Zuflucht suchen in der alten Hauptstadt des Dritten Reichs?

„Weil Deutschland, und besonders Berlin, in Bezug auf die Vergangenheit eine beispielhafte Arbeit geleistet hat. Die Geschichte, wie man sie in meiner Familie erzählt hat, entspricht nicht der offiziellen Version. Bei mir zu Hause hieß es, die französische Polizei hätte meinen Großvater vorgeladen und die Razzia im Wintervelodrom organisiert. Das ist 199S anerkannt worden. Ich habe meine ganze Kindheit und Jugend in einem taubstummen Land verbracht. In Frankreich hatte ich das Gefühl, Ausländerin zu sein und aus der Spur zu laufen. In Berlin bin ich Ausländerin, aber das ist normal.“

Cécile Wajsbrot ist nicht die einzige, die diese „Weltoffenheit“ lobt, diesen „geografischen Raum, der sich zu einen viel weiteren mentalen Raum hin öffnet“. So meint Wilfried N’Sondé, der Doyen unter den in Berlin lebenden französischen Schriftstellern, er wäre „in Paris sicherlich nie Schriftsteller geworden“. Der Franzose mit kongolesischen Wurzeln kam Ende Dezember 1989, nur wenige Wochen nach dem Mauerfall, am Bahnhof Zoo an.

Im Jahr darauf zog der Student der Politikwissenschaften aus Nanterre nach Berlin um. Ihn reizte der mögliche dritte Weg eines weder kapitalistischen, noch kommunistischen Landes. Er hat seine Entscheidung nie bereut, nicht einmal in der Zeit, als Skinheads durch Ostberlin streunten. (…)

In Paris hatte er sich ständig ausweisen müssen. Seine drei Romane spielen zwar in den Pariser Vorstädten, aber das hindert Wilfried N’Sondé nicht daran, „grundlegend Berliner“ Schriften einzufordern, denn in Berlin hat jeder das „Recht, er selbst zu sein“. (…)

Oliver Rohe, mit deutschem Vater und libanesischer Mutter, hat fünf Jahre lang in Berlin verbracht und nur Englisch oder Französisch gesprochen. „Das hat mir die Möglichkeit gegeben, mich aus den Gesprächen in der U-Bahn oder in den Cafés herauszuhalten und mich auf das zu konzentrieren, was ich gelesen oder geschrieben habe.“

Yann Apperry hat es ebenso gemacht. Seit mehreren Jahren pendelt der Médicis-Preisträger zwischen der Bretagne und seiner Wohnung in Prenzlauer Berg. Er liebt den Berliner Kosmopolitismus mit seinen improvisierten Abenden, an denen man Leute treffen kann wie einen berühmten chinesischen, in Japan lebenden Geiger, einen italienischen Komponisten, eine deutsche Regisseurin, einen deutsch-tunesischen Dokumentarfilmer und andere französische Schriftsteller im selbstgewählten Exil.

Einer davon ist der Kunstkritiker und Autor François Jonquet, der vor fünf Jahren in das türkisch-alternative Kreuzberg im alten Westberlin gezogen ist:

„Ich wollte mich in erster Linie zurückziehen, um zu schreiben. In Berlin kann man durchatmen. Hier erdrücken nicht die dominante Bourgeoisie und die großen Corps d’Etat, die auf Paris lasten.“

In der Feierlaune der Berliner Nächte hat Fabrice Gabriel das Gefühl, eine „zweite Jugend“ zu erleben. Gebürtig aus der grenznahen Kleinstadt Sarreguemines, hat er alles getan, um „den Wäldern zu entfliehen“. Doch nach einer in New York ließ er sich gerne von der Hauptstadt Mitteleuropas anlocken. Auch der Autor und Globetrotter Eric Sarnier hat nach seiner „Voyage en Algéries“ in Berlin seinen Platz gefunden.

Wenn so viele Schriftsteller von der dieser Stadt träumen, dann deshalb, weil sie dieses Underground- und Avantgarde-Berlin schnuppern wollen, von dem ihnen so sehr vorgeschwärmt wird. Diese Stadt ist ein riesiges Kunst-Labor, in dem die verschiedenen Disziplinen sich nicht gegeneinander abschotten.

Louise Desbrusses war ebenfalls auf der Suche nach dieser Interdisziplinarität: „Ich wollte nicht als junge, vielversprechende Autorin gesehen werden, sondern als Künstlerin im weiteren Sinne. Ich wollte Neues ausprobieren.“ Beschäftigt mit der Frage nach der Beziehung zwischen Körper und Schrift, nutzte Louise Desbrusses ihren Berlin-Aufenthalt (2007-2011), um ihr Interesse am Improvisationstanz auszuleben. Ein Wunsch, den sie über ihre Erwartungen hinaus verwirklichen konnte.

In Berlin sind Performances nicht allein das Privileg von Theater und Tanz. Öffentliche Lesungen – eine wahre Institution in Deutschland – überraschen die Neuankömmlinge. „In Paris hat man Mühe, die Buchhandlungen zu füllen, und die Autoren können nicht lesen“, findet der Schriftsteller und Übersetzer Alban Lefranc. „In Berlin dagegen trifft man auf ein sehr sachverständiges Publikum.“

Am 29. September 2012 hat Christian Prigent, einer der französischen Schriftsteller, der Deutschland am besten kennt, sein Publikum zusammen mit Alain Jadot, der Lesungen in Berliner Literaturcafés moderiert, mit Übersetzungen des Dichters Ernst Jandl begeistert. Rund 50 Personen, Franzosen, aber auch Deutsche, waren zu dieser unglaublichen Vorstellung in der Buchhandlung Zadig gekommen, deren Besitzer Patrick Suel es gelungen ist, sie zum Treffpunkt der frankophonen Intellektuellen zu machen.

Wird Berlin wieder die große Literaturmetropole werden wie vor dem Krieg? Die französischen Schriftsteller sind nicht allein mit ihrer Begeisterung. Der jungen deutschen Autorengeneration gefällt es hier ebenfalls sehr gut. Vor zwei Jahren hat der renommierte Suhrkamp Verlag die literarische Republik in Aufruhr versetzt, als er seinen Sitz von Frankfurt nach Berlin verlegte. Seit fünf Jahren bietet die deutsche Hauptstadt ganz eindeutig eine neue intellektuelle und künstlerische Lebendigkeit. Und lässt damit Saint-Germain-des-Prés recht alt aussehen.

Letzte Änderung 04/12/2012

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