Bildung für den Fortschritt: Frankophonie dezentral denken [fr]

Anlässlich des Tages der Frankophonie am 20.3.2018 unterstrich Staatspräsident Emmanuel MACRON in einer Rede vor der Académie française, dass man Französisch heute dezentral, d.h. nicht allein von Frankreich aus denken dürfe. Französisch müsse dabei zu der Sprache werden, die von der Welt von morgen spricht, wozu auch eine Bildungspartnerschaft und besondere die Bildung von Mädchen in Afrika gehöre. In diesem Zusammenhang kündigte er verstärkte Bemühungen zur Förderung des Französischen in einer mehrsprachigen Welt an.

Auszüge aus der Rede von Staatspräsident Macron vor der Académie française.

Frankophonie global denken
(…)
Was wir heute Frankophonie nennen, ist nicht mehr dieser lose umrissene Raum am Rande Frankreichs, das ihr Zentrum ist. Es ist die französische Sprache selbst, die das Zentrum aller Länder und Bevölkerungsgruppen geworden ist, in denen sie mit ihrer überwältigenden Vielfalt Wurzeln geschlagen hat. (…) Und Frankreich muss heute stolz darauf sein, eines von vielen Ländern zu sein, das Französisch lernt, spricht und schreibt. Und in dieser dezentralen Struktur müssen wir denken. (…)

Wir gehen von der alten Vorstellung einer Frankophonie am Rande Frankreichs über zu der Überzeugung, dass die Frankophonie ein Bereich ist, in dem Frankreich mit seiner eigenen Verantwortung und seiner historischen Rolle nur ein Akteur ist, der bereit ist, das Schicksal der französischen Sprache in die Hand zu nehmen, der sich aber bewusst ist, dies nicht allein zu tun. (…)

Um diese Geschichte zum Erfolg zu führen, möchte ich Leila Slimani danken, die über Monaten eine beachtliche Arbeit geleistet und all jene Stimmen gesammelt hat, die ihre Idee für die französische Sprache zum Ausdruck bringen wollen. (…)

Französisch lernen in Frankreich

Französisch lernen, bedeutet in erster Linie, es in Frankreich zu lernen. Und wir können keine Vorschläge für die Frankophonie unterbreiten, wenn wir nicht fähig sind, unsere eigenen Unzulänglichkeiten, unsere eigenen Lücken und manchmal unser eigenes Nachlassen zu betrachten. Deswegen haben wir mit Beginn der Legislaturperiode beschlossen, Regeln nachzujustieren, Klassen wieder zu öffnen und die Klassenstärke in den am stärksten benachteiligten Regionen des Landes zu reduzieren, wo alle Schwierigkeiten aufeinandertreffen und wo die französische Sprache auf dem Rückzug ist. Seit letzten September hat der Bildungsminister in sogenannten bildungspolitischen Schwerpunktgebieten die Klassenstufen CP und CE1 (vergleichbar mit der 1. und 2. Klasse der Grundschule) weitere neue Klassen eröffnet, um die Klassenstärke zu reduzieren und um dem alltäglichen, aber dennoch untragbaren Zustand entgegenzuwirken, dass eines von fünf Kindern in der CM2 (5. Klasse) in unserem Land keine ausreichenden Kenntnisse der Muttersprache, im Rechnen oder Lesen hat. (…)

Diese Aufgabe, Französisch in Frankreich zu lernen, ist noch dringender, wenn es darum geht, Frauen und Männer aufzunehmen, die durch Krieg vertrieben wurden und denen wir ein Leben innerhalb unserer nationalen Gemeinschaft ermöglichen wollen. Ich sehe keinen besseren Aufenthaltstitel für sie als die französische Sprache und durch diese werden sie ein Teil Frankreichs und finden ihren Platz. (…) Heute haben Flüchtlinge einen Anspruch auf maximal 250 Unterrichtsstunden in Französisch. Ich fordere Sie heraus, in 250 Stunden Französisch zu lernen. (…)

Dieser Umfang wird aufgestockt auf 400 und sogar auf 600 Stunden für besonders benachteiligte und am weitesten von der französischen Gesellschaft entfernte Gruppen, die weder lesen noch schreiben können (…). (…)

Französisch lernen im Ausland

Die Anforderung, die wir auf nationaler Ebene stellen, möchte ich auf dieselbe Weise über unsere Grenzen hinaustragen (…). Daher hat sich Frankreich insbesondere für Bildung und die Ausbildung von Lehrern verpflichtet. Beides sind entscheidende Schlachten, die geschlagen werden müssen.

Ich möchte, dass Frankreich in seinem Handeln auf internationaler Ebene – und das haben wir zusammen mit dem Minister stets hochgehalten – durch seine Entwicklungshilfe, sein starkes Engagement für Bildung bekräftigen kann. Das gilt insbesondere für die Bildung von Mädchen, die heute überall dort zurückgeht, wo der Terror zunimmt und wo der Obskurantismus versucht, die Oberhand zu gewinnen. Dafür müssen wir mit Investitionen kämpfen – das macht Frankreich im Rahmen der globalen Bildungspartnerschaft –, aber auch mit bilateraler Unterstützung im Bereich Bildung, insbesondere die Bildung von Mädchen in Afrika, vor allem in der Sahel-Zone.
Wir kämpfen auch für die Ausbildung der Lehrer, denn es ist wichtig, diesbezüglich auch weiterhin alle Initiativen zur Förderung einer qualitativ hochwertigen Bildung in Frankreich zu begleiten, die allen zugänglich ist (…).

Diese Arbeit erfolgt auch durch einen neuen Impuls für die französischen Gymnasien. Weltweit zählt Frankreich heute 500 Einrichtungen mit 350 000 Schülern. Sie sind das Rückgrat unseres Bildungsangebots in der Welt. Er wird gestärkt und dynamischer gestaltet, um seinen Fortbestand zu sichern und um auf die steigende Nachfrage zu reagieren. (…)

Wir werden auch die Partnereinrichtungen mit dem Ziel weiterentwickeln, die Schülerzahl im Netzwerk der französischen Schulen bis 2025 zu verdoppeln. Es werden regionale Bildungszentren gegründet, um neue Lehrer beispielsweise in Mexiko oder im Libanon auszubilden. (…)

Außerhalb unserer Einrichtungen sind zweisprachige frankophone Schulen sehr gefragt (…). Um ihre Entwicklung zu begleiten, werden die Aufgaben der Agentur für das französische Auslandsschulwesen AEFE (Agence pour l’enseignement du français à l’étranger) in diesem Bereich vertieft. Ziel bis 2022 ist es, dass das Netz aus Schulen mit zweisprachigem Unterrichtsangebot mit dem Qualitätszertifikat France Education 500 Einrichtungen anstatt heute 209 umfasst.

Sprache der Lehre und der Wissenschaft

Im Bereich der Hochschulbildung erhoffe ich mir auch, dass die Einrichtungen den Mut aufbringen, sich außerhalb unserer Grenzen niederzulassen und sich auf Hochschul-Campussen zusammenzuschließen, wie in Marokko, im Senegal, in Kürze auch in Tunesien mit der künftigen französisch-tunesischen Universität Afrikas und des Mittelmeerraumes. Es geht darum, die Zahl der Studierenden bis 2022 in diesen Studiengängen zu verdoppeln. (…)

Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass wir die ausländischen Studierenden, die ihr Studium in Frankreich absolvieren, gut aufnehmen. (…)

Wir müssen schon jetzt damit beginnen, neue Bedingungen für ihre Aufnahme zu schaffen. Deshalb habe ich die Ministerin für Hochschulen gebeten, mit Unterstützung von Campus France einen umfassenden Plan zu erarbeiten. Dieser wird Anfang 2019 vorgestellt. (…)
Die zweite Herausforderung besteht darin, die französische Sprache zu einer der wesentlichen Sprachen des Austauschs, der Kommunikation und in gewisser Weise zu einem möglichen Medium des nicht hegemonialen Austauschs zu machen, aber darauf komme ich noch einmal zurück. Und es geht auch um die sinnvolle Anwendung der französischen Sprache, um eine Wirkkraft, um die Möglichkeit eines Zugangs zu einer bestimmten Sache. (…)

Ein Großteil dieser Schlacht wird dabei natürlich im Internet ausgefochten. (…) Die Frankophonie muss ihre Vorzüge klarer ausspielen, und der Kampf auf den Plattformen und in den sozialen Netzwerken ist sowohl politischer als auch kultureller Natur. Deshalb müssen die frankophonen Hochschulen die akademischen Inhalte und Materialien für Forschung und Bildung schneller ins Internet stellen. Wir ermutigen die Hochschulen französischsprachiger Länder, mit Unterstützung der Digitalen Hochschule in Frankreich umfangreicher und offener Online-Kurse anzubieten.

Das Institut français hat die Aufgabe, das soziale Netzwerk für Französischlehrer im Ausland auszubauen, mit der Zielvorgabe, 150 Länder und 75 000 Mitglieder bis 2021 zu erreichen. Wir werden die Netzwerklogik auf den französischsprachigen Internetseiten, die Intensivierung der Kooperationen und gemeinsame Projekte vorantreiben. Wir werden das erste Gründerzentrum zum Spracherwerb errichten – die digitale Fabrik der französischen Sprache. (…)

Über diese Initiativen müssen wir die französische Sprache, Inhalte auf Französisch, akademische und wissenschaftliche Inhalte und die Präsenz aller Sprecher im Internet fördern. Die Frankophonie muss schon jetzt zu einem Teil der innovativsten Technologien werden, sonst spielt sie bei den Sprachen für die neuen Kommunikationsformen bald keine Rolle mehr.

Sprache der Medien

Dieser Kampf wird auch über unsere starke Medienpräsenz geführt. Frankreich hat das Glück, sich auf eine mächtige Institution stützen zu können – France Médias Monde. Es genügt ins Ausland zu fahren, um ihren Einfluss ermessen zu können. 135 Millionen Menschen empfangen täglich ihre Programme. Wir müssen unser Ziel höher stecken und in zwei Jahren 150 Millionen Menschen erreichen. (…)

Und dieses Ziel ist eng mit unserem Kampf gegen Fake-News und für eine freie und unabhängige Presse verbunden. Die Mediendienste in französischer Sprache müssen wie die vertrauenswürdigen Medien erscheinen, die sie sind. (…)

Wirtschaftssprache

In einem globalen Kontext betrachtet, gibt es einen Bereich, den die Frankophonie erst noch erobern muss: die Wirtschaft. Wenn wir von der Anwendung dieses Austausches in französischer Sprache und von diesen vorhin von mir erwähnten Zugängen reden, dann reden wir auch von der Wirtschaft. (…)

Es gibt also auch eine wirtschaftsbezogene Frankophonie, die wir neu beleben und der wir neuen Schwung verleihen müssen. (…) Auch ist es keine Lösung, eine Sprache über die andere zu stellen oder einen Konkurrenzkampf zwischen den Sprachen aufkommen zu lassen. Die Lösung besteht in der Sprachenvielfalt, insbesondere im Handel. Deshalb möchte ich, dass in Europa neben der Muttersprache zwei Fremdsprachen unterrichtet werden, denn Englisch ist nicht dazu bestimmt, die einzige von den Europäern gesprochene Sprache zu sein. Zudem möchte ich, dass unsere Handelsschulen mehr ausländische Studierende anziehen und dazu beitragen, der französischen Sprache als Geschäftssprache einen neuen Impuls zu verleihen. Auch die Unternehmen müssen hier Verantwortung übernehmen. (…)

Damit Französisch und die Mehrsprachigkeit wieder den Platz einnehmen, der ihnen zusteht, vor allem im wirtschaftlichen Europa, im Europa der Finanzen und im Europa der europäischen Institutionen. Deshalb stärken wir auch unser System der Sprachausbildung, das vor allem auf europäische Verantwortungsträger ausgerichtet ist. Brüssel wird in dieser Hinsicht besondere Anstrengungen unternehmen. (…)

Die europäische Strategie der öffentlichen Entwicklungshilfe, der Kooperation baut auf diese Frankophonie auf, und das Französische bietet wie keine andere Sprache einen Zugang zu einem Großteil des afrikanischen Kontinents, zu wirtschaftlichen Möglichkeiten im Mittelmeerraum. (…)

Mehrsprachigkeit

Und wenn ich vom Gebrauch der Sprache, wenn ich von Französisch als Sprache des Austausches rede, kann ich deshalb nicht umhin, auch von Mehrsprachigkeit und von der Übersetzung zu sprechen. (…)

Der Grand Prix de la traduction ist deshalb ein wichtiger Höhepunkt, der die wesentliche Rolle der Übersetzer deutlich macht und zur Geltung bringt. Ich möchte, dass wir noch viel mehr tun, z.B. unsere Verleger bei ihrer wichtigen Arbeit unterstützen, die Übersetzung ausbauen, vor allem in Sprachen wie Arabisch oder Chinesisch oder – wie ich vor wenigen Monaten in Frankfurt erwähnte – Russisch. Aber auch die Übersetzungen des Französischen in diese anderen Sprachen, um, wie Dany LAFERRIERE unlängst sagte, Französisch in all diesen Sprachen zu sprechen, mit der gleichen Intonation, in dem Bewusstsein dieser Vielfalt.

Die Frankophonie muss auch den anderen Sprachen gerecht werden, insbesondere den anderen europäischen Sprachen, aber vor allem all jenen Sprachen, die durch die Globalisierung geschwächt oder isoliert werden. (…)

Sprache des kulturellen Schaffens

Nicht zuletzt muss Französisch zu der Sprache werden, die von der Welt von morgen spricht. Besser noch, sie muss zu der Sprache werden, die die Welt von morgen und das kreative Schaffen auf Französisch gestaltet. Das ist unsere dritte Herausforderung. (…)
Die Aufgabe der Frankophonie lässt sich nicht in einen kartesischen Rahmen eines politischen Programms sperren, sie überwindet alles, was sie versucht in eine bestimmte Richtung zu lenken. (…) Unsere Aufgabe besteht eher darin, dies möglich zu machen, sie zu unterstützen, das erblühen zu lassen, was heute bereits am Aufkeimen ist (…). (…)
Deshalb müssen wir Brücken bauen, Instanzen schaffen, die einander näher bringen. (….)
Auch außerhalb unserer Grenzen müssen wir unseren Einfluss und unsere Fähigkeit zu Handeln wiedererlangen. Deshalb wird die Rolle des Institut français als Förderer und weltweiter Vermittler des Französischen gestärkt. In Paris werden das Institut français und das Netzwerk der Alliance française an einem Standort tätig sein, um die Synergien der Akteure zu stärken, die zur Förderung der französischen Sprache beitragen, und das Netzwerk der Alliances wird ab 2019 durch die jährlichen 10 Neueröffnungen ausgeweitet. (…)

Letzte Änderung 16/04/2018

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