D-Day: Ansprache von Staatspräsident Hollande zum Gedenken an die Opfer der Schlacht um die Normandie [fr]

70 Jahre D-Day – Internationale Feierlichkeiten zum Gedenken an die Opfer der Schlacht um die Normandie

Ansprache von Staatspräsident François Hollande

Caen, 6. Juni 2014

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

sehr geehrte Damen und Herren Parlamentsmitglieder und Mandatsträger,

sehr geehrte Damen und Herren Angehörige der Widerstandskämpfer,

sehr geehrte Damen und Herren Kinder der Zeitzeugen der Schlacht um die Normandie,

ich wollte an diesem 6. Juni, 70 Jahre danach, bei Ihnen sein, hier mit Ihnen am Mémorial de Caen, um zu unterstreichen, wie groß das Opfer der Zivilbevölkerung in jenen Tagen und Nächten war, die Frankreichs Freiheit und Rückeroberung ermöglicht haben.

Vor siebzig Jahren am 6. Juni wurde es Tag in der Normandie, und dieser Tag bringt uns noch heute Licht. An jenem Tag machten sich 150 000 Männer aus England, Amerika, und zum Teil von noch viel weiter her mit ihren Schiffen nach Frankreich auf. Einige kauerten im Bauch der Flugzeuge, um mit Fallschirmen abzuspringen und uns zu retten. Andere wurden eng zusammengedrängt an Bord von Frachtkähnen vom Wellengang durchgeschüttelt und beobachteten von Weitem, dann von Nahem die Küsten von Calvados und Cotentin, wo sie landen sollten.

An jenem Tag, am 6. Juni, warteten die Soldaten des Dritten Reichs, ohne richtig zu wissen, was geschehen würde. An jenem Tag, am 6. Juni, ahnte die Bevölkerung der Normandie, was passieren würde. Niemand wusste, dass dieser Tag der erste Tag einer der heftigsten Schlachten in der Geschichte Frankreichs sein würde. Eine Schlacht, die über 110 000 Todesopfer, davon 20 000 Zivilisten, fordern sollte. Denn diese Schlacht war auch die Schlacht der Zivilbevölkerung.

Die ersten, die sich in Bewegung setzten, waren übrigens die Widerstandskämpfer. Am Abend des 5. Juni 1944 war das Signal gegeben worden, und in der Nacht, in dieser langen Nacht wurde der Tag vorbereitet.

Überall wurden Netzwerke aktiviert, mit Drahtscheren und Sprengstoff wurde der Weg für die Freiheit gebahnt, Bäume wurden gefällt, Leitungen gekappt, Schienenwege sabotiert. Diese Widerstandskämpfer, die anonyme Avantgarde des D-Day, diese Schattenkämpfer haben die Landung ermöglicht und erleichtert. Während der gesamten Schlacht unterstützten sie ohne Unterlass die Alliierten; sie spionierten, zerstörten, setzten den feindlichen Truppen zu, verzögerten die Ankunft der Verstärkung.

Die Nazis reagierten sofort. In einer Weise, die ihrem Bild entsprach: brutal, barbarisch. In Caen wurden in den ersten Stunden des 6. Juni fast 80 Menschen erschossen, die die Gestapo verhaftet hatte. Robert Douin war einer von ihnen. Als Direktor der Ecole des Beaux-Arts von Caen leitete er das Widerstandsnetzwerk Alliance pour le Calvados. Seit mehreren Monaten fuhr er tagsüber die Küste ab, um Kunstwerke in Kirchen zu restaurieren, und nachts übermittelte er London Informationen über die deutschen Befestigungen, die er geduldig und akribisch gesammelt hatte. Seine Arbeit war eine große Unterstützung für die Landung.

Sein Sohn Rémy begleitete ihn bei manchen seiner Fahrten. Ich war gerade noch mit ihm zusammen, als wir den Hinrichtungsopfern Ehre erwiesen, und nun möchte ich ihm, seinen Kameraden, die damals dabei waren, diesen Männern und Frauen, den Kindern der Verschwundenen, den Dank der Nation für die Widerstandskämpfer der Normandie aussprechen.

Am Morgen des 6. Juni begann die Landung für die Zivilbevölkerung, die den Rauch der ersten Gefechte sah, die voll Sorge und Angst die Flugzeuge über sich hörte. Diese Zivilisten ahnten bereits den Feuerregen, der auf die Region niedergehen sollte.

Seit Monaten schon hatten die Alliierten regelmäßig Luftangriffe auf die Region geflogen. Ziel war es, die militärischen Anlagen zu zerstören, die Kommunikation zu unterbrechen und Hitlers Kriegsmaschinerie zu schwächen. Ein rühmliches Ziel. Es war notwendig. Aber mit jedem Angriff wurden trotz aller Warnungen und Alarmsignale Zivilisten getroffen, ihre Häuser zerstört und die Städte schwer beschädigt.

Am 19. April 1944 gingen innerhalb weniger Stunden 6 000 Bomben auf Rouen nieder, 900 Tote wurden aus den Trümmern geborgen. Eineinhalb Monate später: die rote Woche. Fünf Tage lang intensive Bombenangriffe, mit dem Ziel, die Seine-Brücken zu zerstören, um dem Feind den Rückweg abzuschneiden; das gesamte historische Zentrum von Caen und Rouen war betroffen, die Glocken der Kathedrale schmolzen, 400 Opfer wurden in den Ruinen geborgen.

Am 6. Juni 1944 flog die alliierte Luftwaffe insgesamt 14 000 Einsätze über der Normandie. Der Atlantikwall wurde nach Mitternacht unter Dauerbeschuss genommen. Später wurden die Dörfer im Landesinneren ins Visier genommen. Zwar wurd alles getan, um die Menschen zu warnen, Flugblätter wurden abgeworfen, aber was können ein paar Zettel ausrichten, wenn die gesamte Bevölkerung sich versteckt, im Schock über das Ausmaß des Angriffs?

Am Morgen des 7. Juni waren bereits 3 000 zivile Todesopfer zu beklagen. Ganze Städte waren ausgelöscht. Saint-Lô war zur Ruinenhauptstadt geworden. 100 000 Menschen waren zur Flucht gezwungen. Sie vermischten sich mit den Bewegungen der feindlichen Truppen. Ein komplettes Chaos und für ganze Familien ein heilloses Durcheinander im Kugelregen.

Die Flüchtlinge verkrochen sich in den Kellern, wo sie konnten, in Steinbrüchen, in Kratern, in den Kirchen wie der Abbaye-aux-Hommes in Caen. Die Brände nahmen zu, aber die Feuerwachen waren nicht mehr in Gebrauch. Also vereinten die Menschen ihren guten Willen, taten sich zusammen, um die Brände zu löschen; überall trotzten Männer und Frauen jeden Alters und aller Gesellschaftsschichten dem Tod, um Verletzten zu helfen, Trümmer abzutragen, Opfern Unterkunft zu gewähren.

Unter ihnen waren auch viele junge Menschen, wie Jean-Marie Girault, der spätere Bürgermeister von Caen, der auch das Mémorial de Caen gegründet hat. In jenen Tagen war er nicht einmal 18 Jahre alt und wühlte gemeinsam mit vielen anderen Helfern des Roten Kreuzes im Schutt, in der Hoffnung, Überlebende zu finden.

Ich möchte ganz besonders hervorheben, wie groß die Solidarität der Menschen in der Normandie in diesen schweren Stunden war. Da war kein Bauer, der den Schutz suchenden Unglücklichen einen Platz in seiner Scheune verwehrte, kein Ladenbesitzer, der nicht noch einmal aufschloss, um zu verteilen, was ihm an Verpflegung geblieben war, kein Unternehmer, der nicht seine Werkstatt öffnete, bis der Feuerregen vorbei war, kein Pfarrer, der nicht seine Kirche aufschloss, um Schutz zu bieten, was mitunter zum Fluch werden konnte, wenn eine Granate einschlug.

Alle wollten, dass die Normandie geeint ist und zusammensteht in dieser schweren Prüfung, aber auch in der Hoffnung auf ihre Befreiung und auf die Befreiung des gesamten Landes. Die schöne Normandie, diese schönen Landschaften, die wir heute als unversehrt kennen, waren damals Schlachtfelder der erbitterten und unüberschaubaren Schlacht um die Normandie.

Die jungen Generationen müssen wissen, dass hier zwei Millionen Soldaten gegeneinander gekämpft haben, inmitten von einer Million Zivilisten, die über Wochen in Furcht und Schrecken gehalten wurden. In zahlreichen Gemeinden, wie in Tilly-sur-Seulles, das 23 Mal erobert und zurückerobert wurde, durchlebte die Bevölkerung Höllenqualen. Die Schlacht um die Normandie ging am 22. August zu Ende, mit der Kesselschlacht von Falaise. Aber die Region wurde erst am 12.

September mit Le Havre endgültig befreit; und es ist eine verwüstete Normandie, die ihre Freiheit zurück erlangt, 20 000 Zivilisten waren getötet worden, 300 000 Menschen ohne Unterkunft, zu den 20 000 zivilen Opfern kommen weitere 40 000 gefallene Soldaten, Amerikaner, Briten und andere Alliierte.

Mir ist heute wichtig, auch als Leitgedanke dieses 70. Jahrestags der Landung der Alliierten, an diesem 6. Juni 2014 ist es mir wichtig, dass allen, Zivilisten wie Militärs, egal welcher Kleidung und Uniform, die Würdigung der Nation zuteil wird. Mir ist wichtig, dass anerkannt wird, welche Rolle die Menschen in der Normandie gespielt haben; dass jeder weiß, dass sie die ersten waren, die alliierte Soldaten auf französischem Boden empfangen haben; dass sie die Feuerprobe tapfer ertragen und den Sieg erleichtert haben.

Die Menschen in der Normandie haben den Befreiern ihre Türen geöffnet. Sie haben sie beschützt. Sie haben sie mit Nahrungsmitteln versorgt und ihnen während ihres gesamten Siegeszuges würdevoll gedankt, auch wenn sich unter den Jubel und die Freude auch der bittere Geschmack der Trauer über die Gefallenen mischte. Während all dieser Tage im Juni 1944, bis in den August hinein, mischten sich die Gefühle; da war zum einen diese Befreiung, diese endlich erlangte Hoffnung, und gleichzeitig dieses Leid, dieses Durchhalten bis zum Ende.

Damals knüpften die Bewohner der Normandie und die alliierten Soldaten anhaltende Beziehungen, die seit 70 Jahren dieses Stück Erde Frankreichs, die Normandie, mit allen Ländern der Welt verbindet, die hier einen Sohn begraben haben.

Durch den Lauf der Geschichte und die Geographie gerieten die Menschen in der Normandie ins Zentrum eines der bedeutendsten Momente unserer Geschichte, einer der entscheidendsten Schlachten der Menschheit. Und sie nahmen teil an diesem Moment, mit einer Willenskraft, die der Tapferkeit der alliierten Soldaten gleichkommt. Sie nahmen teil an der Befreiung Frankreichs.

Vom ersten bis zum letzten Tag dieser Ereignisse, von der Bombardierung Caens bis zur Bombardierung Le Havres, fielen Hunderttausende einem Krieg zum Opfer, dem Zweiten Weltkrieg, der – noch einmal – mehr zivile als militärische Opfer als Soldaten gefordert hat.

Das Opfer der Bevölkerung in der Normandie war über lange Zeit überdeckt vom Heldentum der Landungssoldaten. Heute zollt die Republik diesem Opfer ihre Anerkennung. Das ist auch die Idee hinter der Entscheidung des Staates und der Gebietskörperschaften der Basse-Normandie, eine Gedenkstätte für zivile Kriegsopfer in Falaise zu errichten. Warum in Falaise? Weil diese Stadt zu 80 % ausgelöscht wurde und weil ihr Name für den Epilog zur Schlacht um die Normandie steht.

Die Gedenkveranstaltung heute ist der Zivilbevölkerung gewidmet, der Zivilbevölkerung in dem Krieg, der für die gesamte Normandie im September endete; aber der Krieg ist noch da, ist immer noch in dieser stürmischen, unsicheren und mitunter bedrohlichen Welt, und in allen Kriegen leistet die Zivilbevölkerung einen hohen Tribut: wenn Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzt werden; wenn sie Opfer von Terrorismus werden, wenn Kinder zur Zielscheibe werden, weil der Krieg hunderttausende Menschen zur Flucht zwingt, weil junge Mädchen entführt und sexueller Gewalt ausgesetzt werden.

Ja, jedes Mal, in jedem Konflikt, in jeder Prüfung zahlt die Zivilbevölkerung den Preis. Und weil Frankreich diese Dramen selbst erlebt hat, ist es solidarisch mit den Völkern, die heute noch mit solchen Prüfungen zu kämpfen haben. Weil Frankreich selbst die Barbarei kennengelernt hat, tut es alles für die Erhaltung des Friedens, überall, an den Grenzen Europas wie in Afrika.

Indem wir uns heute im Gedenken an die Menschen in der Normandie verbeugen, die im Sommer 1944 getötet wurde, würdigt die Republik das Schicksal dieser Männer und Frauen, die am D-Day in die Geschichte eingegangen sind, um uns zu ermöglichen, die Geschichte fortzuschreiben.

Diese Gedenkveranstaltung erinnert uns auch an unsere Pflicht, dem notleidenden Teil der Menschheit zu helfen; dies sind wir der Erinnerung an jene schuldig, die für uns gestorben sind, und auch mit Blick auf unseren Willen, überall präsent zu sein, in dem Bewusstsein, dass Frankreich aus einer langen Geschichte erwachsen ist und dass es nach wie vor der Aufgabe verpflichtet ist, durch seine Geschicke das Schicksal der ganzen Welt mitzugestalten.

Es lebe die Republik, es lebe Frankreich, ein Frankreich, das der Normandie dankbar ist.

Letzte Änderung 26/06/2014

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