Das Festival von Avignon, Treffpunkt des internationalen Theaters [fr]

Vom 7. bis 28. Juli 2012 lädt das Festival d’Avignon wieder ein, mit seiner Efferveszenz und überschäumenden Fülle an Neuem. Diesjähriger „assoziierter Künstler“ (artiste associé) ist der britische Schauspieler und Regisseur Simon McBurney. Ein entschieden internationales Programm, integrativ und innovativ zugleich, ist das Markenzeichen dieses herausragenden Kultur-Events.

Avignon ist der große internationale Treffpunkt der zeitgenössischen darstellenden Kunst. Neben dem Theater nimmt nunmehr auch der Tanz einen herausragenden Platz ein und auch Pantomimen, Marionettentheater, Reitkunstaufführungen, Straßenkünstler, Ausstellungen... sind zu sehen. Man findet dort das Beste des französischen Theaterschaffens neben einer ständig wachsenden Zahl von ausländischen Ensembles, was Produzenten und Programmverantwortliche aus aller Welt anzieht.

Alljährlich sind ausländische Künstler als „artistes associés“ eingeladen, die das Programm mitgestalten. Die derzeitigen Leiter des Festivals, Hortense Archambault und Vincent Baudriller, setzen dieses Konzept fort, das ihnen erlaubt, die unterschiedlichen Sensibilitäten dieser kreativen Persönlichkeiten für das Festival nutzbar zu machen. Zu den „artistes associés“ der Vorjahre zählen der deutsche Regisseur Thomas Ostermeier (1984), der belgische Choreograf Jan Fabre (2005) und der Jugoslawe Josef Nadj (2006), der italienische Regisseur Romeo Castellucci (2008), der in Québec lebende, libanesischstämmige Autor, Regisseur und Schauspieler Wajdi Mouawad (2009), der Schweizer Christoph Marthaler (2010). 2013 wird der Kongolese Dieudonné Niangouna zusammen mit dem Franzosen Stanislas Nordey an der Programmgestaltung beteiligt sein.

An der vom 7. bis 28. Juli 2012 stattfindenden Ausgabe 2012 wirkt der britische Schauspieler, Autor und Regisseur Simon McBurney mit, der sich mit seinen lebensvollen, polyfonen Aufführungen international einen Namen gemacht hat. McBurney hat viel am Broadway gearbeitet, unter anderem mit Al Pacino, der in seiner Inszenierung von The Resistible Rise of Arturo Ui mitwirkte. Er präsentiert dieses Jahr in Avignon eine Bearbeitung des Romans Der Meister und Margarita des russischen Schriftstellers Michail Bulgakow. Der Schriftsteller John Berger wird einen British Touch hinzufügen.

So kommen zu dieser 66. Ausgabe des Festivals wieder namhafte Künstler und regelmäßige Festivalteilnehmer, wie Romeo Castellucci, Stéphane Braunschweig, Christophe Honoré, Régine Chopinot, die mit kanakischen Tänzern und Musikern auftritt. Ein weiteres Event ist Die Möwe von Tschechow, die von Arthur Nauzyciel im Ehrenhof des Papstpalastes aufgeführt wird. Getreu seiner Tradition der Diversität nimmt Avignon auch Künstler auf, die zum ersten Mal kommen, wie die chilenische Truppe Mapa, der deutsche Regisseur Nicolas Stemann oder der umstrittene südafrikanische Choreograf Steven Cohen, der bereits mit Spannung erwartet wird mit zwei Projekten, von denen eines unter der Bühne des Ehrenhofs aufgeführt wird, ein Raum, der bis jetzt noch nie genutzt wurde. In diesem Jahr werden auch Jérôme Bel und seine Truppe aus behinderten Schauspielern im Mittelpunkt der Blicke und Gespräche stehen.

Avignon wird auch diesen Sommer wieder zu einem einzigartigen Forum unter freiem Himmel werden, wo die Künstler die angeregten Diskussionen mit einem offenen, theaterbegeisterten Publikum schätzen. Mit seinen an die vierzig Werken mit über 300 Vorstellungen, die über rund 20 Spielorte verteilt sind, verzeichnet das Festival alljährlich mehr als 130 000 Eintritte und zieht neben den mehrheitlich französischen Zuschauern dank Übertitelung auch immer mehr ausländische Besucher an.

Für dieses internationale Publikum hat das Centre universitaire d’études françaises d’Avignon (CUEFA), die in die Abteilung für Internationale Beziehungen der Universität Avignon eingebettet ist, originelle, auf das Festival-Programm ausgerichtete Französischkurse eingerichtet. Drei Wochen lang besuchen Studenten, Lehrer und alle, denen es Spaß macht, Sprachkurse im herkömmlichen Sinn sowie auch praktische Theaterkurse und gehen zu fünf Aufführungen. Die Schüler kommen unter anderem aus Kairo, Tunis, aber auch aus ganz Europa und selbst aus China… Der beste Weg, sich in der Theaterstadt, in die sich Avignon in jedem Sommer verwandelt, bestmöglich einzurichten.

Jean Vilar, für sein Wirken als Leiter des Théâtre National Populaire (TNP) bekannt, hat das Festival, das er gegründet und bis zu seinem Tod im Jahre 1971 geleitet hat, maßgeblich geprägt. 1947 hatte er Une semaine d’Art en Avignon (Eine Woche der Kunst in Avignon) lanciert, aus der dann im darauf folgenden Jahr das Festival wurde. Der Schauspieler und Regisseur erregte damals Aufsehen durch die Aufführung von Theaterstücken an einem ungewöhnlichen Spielort, und zwar im Ehrenhof des Papstpalastes, der der emblematische Spielort des Festivals geblieben ist.

Bereits in der Mitte der 60er Jahre öffnete Vilar das Festival auch der Tanzkunst, indem er insbesondere Maurice Béjart einlud. Es war dies die Zeit, wo immer mehr und sehr verschiedenartige Stücke präsentiert wurden und neben dem Festival In ein Festival Off entstand, das als eines der weltweit bedeutendsten Festivals unabhängiger Gruppen gilt. Das Kulturereignis nahm damit die gesamte Stadt in Beschlag: das Cloître des Carmes, das Cloître des Célestins, die Kapelle der Pénitents blancs, die Theater … Jean Vilar ging in die Geschichte des französischen Theaters ein, indem er ihm eine volkserzieherische Aufgabe zuwies. Am TNP wie in Avignon erneuerte er den Umgang mit den Klassikern und brachte moderne und zeitgenössische Stücke sowie kaum bekannte ausländische Werke zur Aufführung. Dies blieb auch weiterhin die Leitlinie des Festivals, das in der Folge mit großen Theaterereignissen, wie dem Mahâbhârata von Peter Brook 1985 oder der Inszenierung von Antoine Vitez von Claudels „Der seidene Schuh“ (Le Soulier de satin) im Jahre 1987, weiter an internationaler Ausstrahlung gewann.

Sylvie Thomas

- www.festival-avignon.com

Letzte Änderung 10/07/2012

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