Die Jakobswege in Frankreich [fr]

GIF Schritt für Schritt für Schritt… Am Ende des Weges und nach langen Tagesmärschen empfängt die Kathedrale von Santiago de Compostela seit dem Mittelalter Pilger aus aller Welt. Natürlich verläuft ein Teil der Wege durch Spanien, auf anderen hingegen durchschreitet der Wanderer Frankreich. Die seit Jahrhunderten gekennzeichneten Wege belohnen den Pilger für seine Anstrengungen mit wunderschönen und überraschenden Landschaften und Monumenten.

Im Jahr 2013 haben 215 000 Pilger die romanische Kathedrale von Santiago betreten. Die Hälfte von ihnen waren Spanier. Die übrigen Pilger kamen aus allen Ländern der Welt, insbesondere aus Deutschland, Italien oder den Vereinigten Staaten. Ausgerüstet mit gutem Schuhwerk, einem Wanderstock und einer unerbittlichen Entschlossenheit entscheiden sich vor allem diese oftmals dafür, einen der vier französischen Hauptwege zu nehmen.

Der erste französische Pilgerweg startet in Le Puy-en-Velay. 2009 haben über 12 000 Pilger aus 63 verschiedenen Ländern die Segnung zu Beginn der Pilgerreise in der Kathedrale von Le Puy-en-Velay erhalten. Die Segnung als eine Art Visum für eine gute Reise, da die große Mehrheit der Wanderer sich nicht aus religiösen Motiven auf den Weg macht. Meist wird der Wille, einen bedeutenden Schritt im Leben zu wagen, sich selbst zu übertreffen oder neue Energie zu tanken, als Grund für die Reise angegeben. Ab der Kirche Saint-Michel d’Aiguilhe, die ganz spektakulär auf einem Vulkanschlot thront, wird dem Jakobuspilger bewusst, dass der Weg vor ihm sich als umwerfend erweisen wird. Dieser Weg ist nicht nur der bekannteste der historischen Routen, sondern zugleich der älteste, denn schon die ersten Pilger sind diesen Weg vor dem Jahr 1000 gegangen. Von den Vulkanlandschaften gelangt der Wanderer zum Granitmassiv, überquert das unendlich scheinende Hochplateau des Aubrac und kann anschließend die Sanftheit und Schönheit des Lot-Tals genießen, bevor er die Hügel und kleinen Täler der Gascogne erreicht. Auch die Schönheit der romanischen Architektur begleitet den Wanderer, so zum Beispiel die Abtei Sainte-Foye. Unterhalb der Abtei hallen die Schritte der Wanderer auf den gepflasterten Straßen der mittelalterlichen Stadt Conques wider. Man kann sich als Etappenziel nichts Schöneres vorstellen, als diese als Weltkulturerbe klassifizierte Klosterkirche. Etwas weiter eines der schönsten historischen Bauwerke Europas, die Valentré-Brücke in Cahors über den Fluss Lot.

Eine zeitgenössische Pilgerreise

Brücken wurden gebaut, um den Pilgern die Überquerung der Wasserläufe zu ermöglichen. Es folgte der Bau von Städten. Die Entwicklung der Pilgerreise förderte den Wohlstand der Regionen bis zum spanischen Galizien. Der Legende zufolge fand ein Eremit im Jahr 813 die Grabstätte des Apostels Jakobus. Er sei von einem Stern geleitet worden, wovon der Name Compostela (Sternenfeld) herrührt. Bald darauf organisierte die Kirche die Pilgerreise, die am Ende des 19. Jahrhunderts nach und nach in Vergessenheit geriet. Im Jahr 1950 wurde sie in Frankreich neu angefacht und konnte an die Beliebtheit früherer Zeiten anknüpfen. Der Europarat half im Jahr 1987 zusätzlich nach, indem er den Jakobsweg zum „ersten europäischen Kulturweg“ erklärte. Seitdem stieg die Popularität der Pilgerreise stetig an und die Frequentierung nahm in zwanzig Jahren um das Fünfzigfache zu.

Eine zweite Variante des Jakobswegs startet in Paris und eignet sich dadurch besonders für Pilger, die von weiter her (evtl. mit dem Flugzeug) anreisen. Im Herzen der Stadt, hinter dem Turm mit dem bezeichnenden Namen Saint-Jacques und nur wenige Meter neben der Metrostation „Châtelet“, kann der Wanderer seinen Weg auf der Terrasse des Café Livres beginnen. An der Theke des Bistrots wird der Pilgerausweis für Jakobuspilger, die „Credencial“, abgestempelt. Der Ausweis wird benötigt, wenn man die Ausstellung eines Zertifikats über die abgeschlossene Wallfahrt wünscht sowie um Zugang zu den für Pilger reservierten Herbergen zu erlangen. Nachdem der Pilger die Straße Saint-Jacques in Richtung Süden hinter sich gelassen hat, wird er den Weg von Tours (Via Turonensis) erreichen, wie bereits Ludwig der Heilige oder Richard Löwenherz vor ihm. Dieser Weg wird auch der große Jakobsweg genannt oder „der gepflasterte Pilgerweg“.

Ein Besuch der Stadt Chartres bietet sich an, wo man sich an der gotischen Schönheit der Kathedrale weiden kann, die, je nachdem wie das Licht durch die Kirchenfenster scheint, immer anders wirkt. Anschließend beginnt der prunkvolle und majestätische Weg durch das Frankreich der Schlösser: Chambord, Blois, Chenonceau, Amboise. Wundervolle Bauten aus der Renaissance! In der Kathedrale Notre-Dame-la-Grande in Poitiers kann der Pilger die Schönheit der bemalten Säulen bestaunen. Nach der Mündung der Gironde, auf dem Weg nach Bordeaux mit seinen berühmten Weinen ist es der Geruch der Reben, der den Wanderer betört. Wer Frankreich zu Fuß oder mit dem Rad Richtung Compostela durchquert, wird auf jeden Fall auch Bekanntschaft mit seiner Gastronomie und Gastfreundschaft machen.

Wege für jedermann

Wem die Weine aus Burgund lieber sind, der sollte den Weg von Vézelay aus nehmen, die dritte Variante des Pilgerwegs. Er beginnt am Fuße der Basilika Sainte-Marie-Madeleine, die mit ihrer Mischung aus dunklen und hellen Steinen sehr leuchtend wirkt. Der Weg führt weiter nach Bourges, dann nach Limoges und Périgueux. Er bietet einen Einblick in das traditionelle, ländliche Frankreich mit seiner ruhigen Lebensart und seiner guten Küche. Die französische Natur ist reich an Schätzen. Auch wenn die meisten Pilger zwischen April und Oktober wandern, so ist durch das milde Klima eine Pilgerreise auf dem Weg von Arles das ganze Jahr über möglich. Im Mittelalter kreuzten sich die Wege der Jakobus-Pilger und jener Pilger, die zum Petersdom wanderten, auf diesem mediterranen Weg ständig. Dieser Weg ist der längste der vier Jakobswege. Aber wer länger wandert, hat auch mehrere Wunder zu bestaunen. Die schwindelerregenden Landschaften des Haut-Languedoc erfordern trotz der schrillen Anfeuerungsrufe der Grillen einiges an Ausdauer. Toulouse, die „rosarote Stadt“, nähert sich. Hier kann man wieder Kräfte sammeln. Noch weiter südlich erinnern die Schafherden daran, dass man sich auf die Überquerung der Pyrenäen, der natürlichen Grenze zwischen Frankreich und Spanien, vorbereiten muss. Auf der anderen Seite der Pyrenäen münden dann alle vier Wege in einen „camino francès“ (französischer Weg), der aufgrund seiner hohen Nutzung auch als „die Autobahn der Pilger“ bezeichnet wird. Jetzt sind es nur noch 800 Kilometer bis zum Ziel.

Pascale Bernard

Letzte Änderung 30/01/2015

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