Erwerbstätigkeitskonto: Frankreich unterstützt lebenslanges Lernen [fr]

Vor dem Hintergrund eines sich im Zeichen der Digitalisierung wandelnden Arbeitsmarktes, in dem Berufsbiographien nicht mehr linear verlaufen, die Arbeitsstelle und die Beschäftigungsart häufiger wechseln und Zeiten der Aktivität mit Zeiten der Arbeitssuche oder Familienzeiten alternieren, wird die lebenslange Weiterbildung zunehmend zu einer Schlüsselkompetenz. Angesichts der Tatsache, dass 60% der Arbeitslosen eine unzureichende Schulbildung haben, ist die Fortbildung auch ein Schlüssel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.

Dies ist der Grundgedanke des Erwerbstätigkeitskontos Compte personnel d’activité (CPA), das im Rahmen des Gesetzes zur Arbeitsmarktreform Anfang 2017 in Frankreich eingeführt wurde und das Arbeitnehmern, Beamten des öffentlichen Dienstes, Arbeitslosen und ab 2018 auch Selbstständigen einen Rechtsanspruch auf lebenslange Fortbildung gewährt. Dabei handelt es sich um eine substantielle Fortentwicklung des Gesetzes zur Weiterbildung von 2014.

Das Konto besteht aus drei Komponenten:

-  dem persönlichen Weiterbildungskonto (CPF), in dem die Tätigkeiten und Fortbildungen aufgeführt werden,

-  dem Konto für ehrenamtliche Tätigkeiten (CEC), in dem diese bzw. auch solche in den verschiedenen Freiwilligendiensten und die dort erworbenen Fähigkeiten aufgelistet sind,

-  dem Konto für körperlich belastende Berufe (CPP), das erhöhte Anwartschaften auf Fortbildung bzw. zusätzliche Rentenansprüche oder aber auch einen Übergang in Teilzeit ohne Gehaltsabschläge gewährt.

Die Sammlung von Fortbildungsanrechten

Die wichtigste Säule des CPA ist das persönliche Weiterbildungskonto CPF, das zu Beginn der Berufslaufbahn eingerichtet wird und das unabhängig von der Beschäftigungsart und der Entwicklung der Berufslaufbahn geführt wird. Auf dem CPF-Konto können als Nachweise auch die elektronischen Gehaltsabrechnungen eingestellt werden.

Die Berechtigten erwerben über ein Punktesystem Fortbildungsanwartschaften, über deren Nutzung bzw. deren Zeitpunkt sie frei entscheiden können. Dies kann eine reine Weiterqualifizierung, eine Umschulung oder auch die Begleitung eines Weges in die Selbstständigkeit bzw. die Gründung eines Unternehmens sein.

Der Anspruchsberechtigte sammelt bei einer Vollzeitbeschäftigung über 5 Jahre 120 Std. Fortbildung und über 7 ½ Jahre maximal 150 Std. an, die in dieser Zeit abgerufen werden können. Zudem können auch die erworbenen Anrechte auf Fortbildung des Kontos für ehrenamtliche Tätigkeiten mit maximal 60 Std. auf dieses Konto übertragen werden.

Die genannten Anrechte können auch mit anderen längeren Fortbildungsmaßnahmen wie z.B. dem Bildungsurlaub mit Lohnfortzahlung (CIF) kumuliert werden.
Ungelernte Arbeitnehmer bzw. solche ohne qualifizierenden Schulabschluss erhalten eine erhöhtes Fortbildungskapital. Ihnen werden pro Jahr bis zu einer Grenze von 400 Std. 48 Std. auf ihrem Konto gutgeschrieben.

Jugendliche ab 16 Jahren ohne Schul- bzw. Berufsabschluss und Beschäftigung erhalten eine Art „Startkapital“ für eine kostenfreie Ausbildung auf ihrem CPA. Sie können bis zum Alter von 26 Jahren zudem eine persönliche Begleitung und weitere finanzielle Hilfen im Rahmen des Programms „Garantie jeunes“ beantragen.
Das Konto wird online auf dem Server des CPA geführt. Dieser bietet auch die verschiedensten Hilfen an und verfügt über eine Datenbank von Fortbildungsmaßnahmen.

Kostenübernahme der Fortbildung

Die Weiterbildung findet ausschließlich auf Betreiben des Arbeitnehmers statt. Falls er seine Anwartschaften nicht in Anspruch nehmen will, kann ihn der Arbeitgeber nicht dazu zwingen. Zudem dürfen ihm keine Nachteile aus der Ablehnung von Weiterqualifizierungsmaßnahmen erwachsen.

Die Finanzierung der Weiterbildungsmaßnahme (Kurs, Übernachtung, Essen, Transport) erfolgt über die dem Gemeinwohl verpflichtete Institution der Fort- und Weiterbildung (OPCA), die sich aus der von den Arbeitgebern zu leistenden Abgabe in Höhe von 0,55 % bis 1,60 % der Gehaltssumme finanziert.

Zudem hat der Arbeitnehmer das Recht auf Lohnfortzahlung, wenn die Fortbildung während der Arbeitszeit stattfindet.

Keine neuen Kosten durch das Erwerbstätigkeitskonto
In Frankreich werden jedes Jahr 30 Mrd. € für Fortbildungsmaßnahmen ausgegeben. Mit dem CPA, das keiner zusätzlichen Finanzquellen bedarf, sollen die Mittel zielgerichteter ausgegeben werden. Hiervon werden besonders diejenigen profitieren, die es am Nötigsten haben.

Letzte Änderung 16/05/2017

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