Fernsehansprache von Staatspräsident Emmanuel Macron zur Covid-19-Epidemie [fr]

Paris, den 12. März 2020

Französinnen, Franzosen, meine lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger,

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Es ist dringend erforderlich, unsere am stärksten gefährdeten Mitbürgerinnen und Mitbürger zu schützen. Die Dringlichkeit besteht darin, die Epidemie einzudämmen, um unsere Krankenhäuser, unsere Notdienste und Intensivstationen sowie unser Pflegepersonal zu schützen, die immer mehr infizierte Patienten behandeln müssen. Das sind unsere Prioritäten. Dafür müssen wir weiterhin mehr Zeit gewinnen und uns um die Schwächsten kümmern. Zunächst gilt es die am stärksten gefährdeten Personen zu schützen. Das hat oberste Priorität.

Deshalb fordere ich heute Abend alle über 70-Jährigen, Menschen mit chronischen Krankheiten oder Atemwegserkrankungen und Menschen mit Behinderungen auf, so lange wie möglich zu Hause zu bleiben. Sie können natürlich außer Haus gehen, um Einkäufe zu erledigen oder frische Luft zu schnappen, sie sollten ihre Kontakte jedoch auf ein Minimum beschränken. Vor diesem Hintergrund habe ich die Wissenschaftler zu unseren Kommunalwahlen befragt, deren erster Wahlgang in wenigen Tagen stattfindet. Sie sind der Ansicht, dass nichts dagegen spreche, dass die Franzosen, selbst die am stärksten gefährdeten, zur Wahl gehen. Außerdem habe ich den Premierminister gebeten, und er hat dies noch heute Morgen getan, alle politischen Familien eingehend zu befragen, und sie alle haben den gleichen Willen zum Ausdruck gebracht. […]

Ab Montag und bis auf Weiteres werden Kinderkrippen, Schulen, Gymnasien und Universitäten aus einem einfachen Grund geschlossen: Unsere Kinder und unsere Jüngsten sind nach Ansicht der Wissenschaftler offenbar diejenigen, die das Virus am schnellsten verbreiten, auch wenn sie mitunter keine Symptome zeigen und glücklicherweise derzeit nicht unter akuten Krankheitsformen zu leiden scheinen. Dies dient sowohl ihrem Schutz als auch der Eindämmung der Verbreitung des Virus auf unserem Staatsgebiet.

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So die Möglichkeit besteht, fordere ich die Unternehmen auf, ihren Beschäftigten das mobile Arbeiten zu gewähren. Die Minister haben dies bereits angekündigt, wir haben die Telearbeit intensiv ausgebaut. Dies muss fortgesetzt und auf ein Maximum ausgeweitet werden. Der öffentliche Nahverkehr wird aufrechterhalten, denn ihn einzustellen würde bedeuten, alles zu blockieren, einschließlich der Gesundheitsversorgung. Aber auch hier appelliere ich an Ihr Verantwortungsgefühl, und ich ersuche alle Franzosen darum, ihr Zuhause so wenig wie möglich zu verlassen. Die Regierung wird ferner Maßnahmen ankündigen, um Versammlungen auf ein Minimum zu beschränken.

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Gesundheit hat keinen Preis. Die Regierung wird alle finanziellen Mittel bereitstellen, die zur Unterstützung, zur Versorgung der Kranken und zur Rettung von Menschenleben erforderlich sind, koste es, was es wolle. Viele Entscheidungen, die wir gerade treffen, viele Veränderungen, die wir gerade vornehmen, werden wir beibehalten, weil wir auch aus dieser Krise lernen, weil unsere Pflegekräfte enorm innovativ und mobilisiert sind, wir werden Lehren aus all dem ziehen, und wir werden mit einem noch stärkeren Gesundheitssystem daraus hervorgehen.

Die allgemeine Mobilisierung betrifft auch unsere Forscher. Zahlreiche französische und europäische Programme, wie klinische Studien, werden derzeit umgesetzt, um schnelle, effiziente und wirksame Diagnosen in großen Mengen zu erstellen. Wir werden die Dinge in diesem Bereich verbessern, und sowohl auf französischer als auch auf europäischer Ebene haben die Arbeiten längst begonnen. Unsere Professoren arbeiten mit Unterstützung privater Akteure bereits u.a. in Paris, Marseille und Lyon an mehreren Behandlungsmöglichkeiten. Die Versuche haben begonnen. Ich hoffe, dass wir in den kommenden Wochen und Monaten erste Behandlungen haben werden, die wir flächendeckend einsetzen können. Europa verfügt über alle notwendigen Voraussetzungen, um der Welt das Gegenmittel zu Covid-19 bieten zu können. Ferner sind Forscherteams dabei, einen Impfstoff zu entwickeln. Er wird zwar erst in mehreren Monaten auf den Markt kommen, ist jedoch ein großer Hoffnungsträger. Die Mobilisierung unserer französischen und europäischen Forschung ist bereits in vollem Gange, und ich werde sie weiter unterstützen.

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Wir werden die gesundheitlichen Probleme nicht auch noch durch die Angst vor dem Konkurs für Unternehmer und die Angst vor Arbeitslosigkeit und geringen Monatseinkommen für die Arbeitnehmer verstärken. Deshalb wird auch hier alles getan, um unsere Arbeitnehmer und unsere Unternehmen zu schützen, koste es, was es wolle. In den kommenden Tagen wird ein außerordentlicher und umfangreicher Mechanismus für Kurzarbeit eingeführt. Es gab bereits erste Ankündigungen durch die Minister. Aber wir gehen noch weiter. Der Staat übernimmt die Entschädigung der Arbeitnehmer, die zu Hause bleiben müssen. Ich möchte, dass wir uns hier an dem fairen System orientieren, das die Deutschen beispielsweise umgesetzt haben und das einfacher ist als das unsere. Ich möchte, dass wir die Arbeitsplätze und Kompetenzen erhalten können, d. h. dafür sorgen, dass die Arbeitnehmer im Unternehmen verbleiben können, auch wenn sie zu Hause bleiben müssen, und dass wir sie bezahlen. Ich möchte, dass wir auch unsere Selbständigen schützen können. Wir werden alle erforderlichen Maßnahmen ergreifen, um dies wirtschaftlich garantieren zu können.

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Auch auf europäischer Ebene müssen wir reagieren. Die Zentralbank hat heute bereits ihre ersten Entscheidungen verkündet. Wird das ausreichend sein? Ich glaube nicht. Sie wird sicherlich weitere Entscheidungen treffen müssen. Ich sage Ihnen heute Abend auch hier ganz klar und deutlich: Wir Europäer werden keine Finanz- und Wirtschaftskrise zulassen. Wir werden entschlossen reagieren, und wir werden schnell reagieren. Alle europäischen Regierungen müssen Entscheidungen treffen, um die Wirtschaftsaktivität zu unterstützen und im Anschluss wieder anzukurbeln, und zwar um jeden Preis. Frankreich wird dies tun, und diesen Kurs werde ich in Ihrem Namen auf europäischer Ebene vertreten. Ich habe dies bereits gestern beim EU-Sondergipfel getan. Ich weiß nicht, wie sich die Lage auf den Finanzmärkten in den kommenden Tagen entwickeln wird. Aber ich werde diesbezüglich ganz genauso deutlich sein. Europa wird in organisierter und massiver Weise reagieren, um seine Volkswirtschaft zu schützen. Ich wünsche mir auch, dass wir uns auf internationaler Ebene organisieren und appelliere an die Verantwortung der G7- und der G20-Staaten. Ich werde mich gleich morgen mit Präsident TRUMP austauschen, um ihm eine außerordentliche Initiative zwischen den G7-Mitgliedstaaten vorzuschlagen, denn er hat derzeit den Vorsitz der G7 inne. Durch Entzweiung werden wir dieser internationalen Krise nicht begegnen können. Wir werden sie nur bewältigen können, wenn wir in der Lage sind, die Dinge gemeinsam richtig und rechtzeitig einzuschätzen und gemeinsam zu reagieren.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

all diese Maßnahmen sind für unser aller Sicherheit notwendig, und ich bitte Sie, sie sich zu eigen zu machen.

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Dieser Virus kennt keine Grenzen. Wir müssen unsere Kräfte bündeln, unsere Maßnahmen koordinieren und kooperieren. Frankreich ist umfassend mobilisiert. Die europäische Abstimmung ist von wesentlicher Bedeutung, und ich werde Sorge dafür tragen. Wir werden Maßnahmen ergreifen müssen. Diese müssen bewirken, dass es so wenig Kontakt wie möglich zwischen den betroffenen und den nicht betroffenen Gebieten gibt. Dabei geht es nicht zwangsläufig um unsere Ländergrenzen. Wir dürfen weder bequemen Lösungen nachgeben, noch in Panik verfallen. Es wird zweifelsohne Kontrollmaßnahmen und Grenzschließungen geben. Aber diese Maßnahmen müssen dann ergriffen werden, wenn sie angebracht sind. Und wir müssen sie als Europäer, auf europäischer Ebene ergreifen, denn auf dieser Ebene haben wir unsere Freiheiten und unsere Schutzmechanismen aufgebaut.

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Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

morgen gilt es, die notwendigen Lehren aus den Erfahrungen zu ziehen, die wir heute durchleben. Wir müssen das Entwicklungsmodell hinterfragen, dem unsere Welt sich seit Jahrzehnten verschrieben hat und dessen Schwächen nun manifest werden. Und es gilt, die Schwächen unserer Demokratien auf den Prüfstand zu stellen. Diese Pandemie fördert jedoch bereits jetzt zu Tage, dass unsere kostenlose Gesundheitsversorgung unabhängig von Einkommen, Werdegang oder Beruf und unserer Wohlfahrtsstaat nicht als Kosten oder Lasten betrachtet werden können, sondern vielmehr als wertvolle Güter, die unverzichtbar sind, wenn das Schicksal zuschlägt. Die Pandemie zeigt auch, dass es Güter und Dienstleistungen gibt, die sich nicht den Gesetzen des Marktes beugen dürfen. Unsere Lebensmittelversorgung, unseren Schutz und unsere Gesundheitsversorgung, also im Grunde unsere Lebensbedingungen auszulagern, ist irrsinnig. Wir müssen wieder die Kontrolle erlangen. Wir müssen noch stärker als wir es bereits tun ein souveränes Frankreich und ein souveränes Europa aufbauen. Ein Frankreich, ein Europa, das sein Schicksal fest in den eigenen Händen hält. In den kommenden Wochen und Monaten werden grundlegende Entscheidungen in diesem Sinne fallen müssen. Und ich werde zu diesen Entscheidungen stehen.

Aber heute geht es um den Schutz unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger und um den Zusammenhalt im Land. Es geht um unseren Schulterschluss, darum, dass wir alle gemeinsam ein und denselben Weg gehen und weder der Angst, der Panik oder bequemen Lösungen nachgeben, sondern diese Stärke wiedererlangen, die uns ausmacht und die unser Volk im Verlauf der Geschichte bereits durch so viele Krisen geführt hat.

Ein geeintes Frankreich ist unser stärkster Trumpf in der Krise, die wir durchleben. Alle zusammen werden wir ihr die Stirn bieten.

Es lebe die Republik!

Es lebe Frankreich!

(Quelle: Internetseite des Élysée-Palastes)

Letzte Änderung 18/03/2020

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