Finanzminister Le Maire in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur Integration der Eurozone [fr]

In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 14.2.2018 spricht sich der fran­zö­si­sche Wirtschafts- und Fi­nanz­mi­nis­ter Bru­no Le Mai­re für eine schnelle In­te­gra­ti­on im Eu­ro­raum und eine verantwortungsvolle So­li­da­ri­tät aus, die keine Trittbrettfahrer akzeptiert und die gemeinsamen Regeln respektiert.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.

Vie­le sa­gen, beim deut­schen Ko­ali­ti­ons­ver­trag ha­be die SPD ge­won­nen. Hat da­mit auch Frank­reich ge­won­nen?

Es geht nicht dar­um, ob die SPD, Deutsch­land oder Frank­reich ge­win­nen. Ganz Eu­ro­pa muss ge­win­nen. Im Ko­ali­ti­ons­ver­trag gibt es sehr po­si­ti­ve Vor­schlä­ge, die zei­gen, dass Kom­pro­mis­se auf vie­len Fel­dern mög­lich sind. Der Ko­ali­ti­ons­ver­trag öff­net die Tür für ei­ne neue Ära eu­ro­päi­scher Zu­sam­men­ar­beit. Jetzt aber müs­sen wir die Är­mel hoch­krem­peln und uns an die prak­ti­sche Ar­beit ma­chen. Das ist im­mer der schwie­ri­ge­re Teil, doch wenn man ge­mein­sam vor­an­kom­men will, kön­nen wir es schaf­fen.

Aber den­noch ent­de­cken Sie wahr­schein­lich vie­le Über­ein­stim­mun­gen mit der SPD?

Ich se­he Über­ein­stim­mun­gen mit dem Pro­gramm der Ko­ali­ti­on. Ich in­ter­es­sie­re mich nicht für ei­nen Par­tei­en­streit. Der fran­zö­si­sche Prä­si­dent hat es ge­schafft, dass in Frank­reich Men­schen aus dem lin­ken wie dem rech­ten La­ger für ein ge­mein­sa­mes Pro­jekt zu­sam­men­ar­bei­ten. Ich emp­feh­le mei­nen deut­schen Freun­den, in den glei­chen Ka­te­go­ri­en zu den­ken. Las­sen wir das al­te Par­tei­en­gezänk hin­ter uns. Die wirk­li­che De­bat­te be­steht zwi­schen je­nen, die Eu­ro­pa wei­ter­brin­gen wol­len, und je­nen, die zu­rück zum Na­tio­na­lis­mus wol­len.

Was schla­gen Sie kon­kret vor?

Drei The­men lie­gen für die ers­te Etap­pe auf dem Tisch: die eu­ro­päi­sche Ban­ken­uni­on zum Ab­schluss zu brin­gen, die Ka­pi­tal­markt­uni­on zu schaf­fen und bei der Steu­er­kon­ver­genz vor­an­zu­kom­men. Die zwei­te Etap­pe be­steht aus der Ver­stär­kung des Eu­ro­päi­schen Sta­bi­li­täts­me­cha­nis­mus (ESM), die drit­te Etap­pe aus der Ein­füh­rung ei­nes eu­ro­päi­schen Haus­hal­tes mit ei­nem eu­ro­päi­schen Fi­nanz­mi­nis­ter. Die Ver­ge­mein­schaf­tung von Alt­schul­den wol­len wir da­bei üb­ri­gens nicht, auch nicht ei­ne Trans­fer­uni­on. Wir wol­len In­ves­ti­tio­nen und da­mit die Sta­bi­li­tät und Leis­tungs­fä­hig­keit des Eu­ro­rau­mes stär­ken. Wir dür­fen da­mit nicht bis zur nächs­ten Kri­se war­ten.

In Deutsch­land herrscht teil­wei­se die Be­fürch­tung, dass die Deut­schen zu Zahl­meis­tern für Län­der wer­den, die we­nig für ih­re Wett­be­werbs­fä­hig­keit tun. Ver­ste­hen Sie die­se Be­den­ken?

Ja, ich kann gut ver­ste­hen, dass das deut­sche Volk sich sagt: Wir ha­ben An­stren­gun­gen un­ter­nom­men, ha­ben über meh­re­re Jah­re Lohn­mä­ßi­gung und das Ein­frie­ren der Ren­ten ak­zep­tiert; da möch­ten wir nicht, dass das Geld ver­schleu­dert wird. Ich möch­te aber auch be­to­nen, dass vie­le an­de­re Län­der eben­falls An­stren­gun­gen un­ter­nom­men ha­ben und dies wei­ter tun. Frank­reich ge­hört da­zu, zum Bei­spiel aber auch Spa­ni­en und Por­tu­gal. Wei­ter­hin gilt: Die bes­te Ant­wort auf ei­ne Kri­se ist, dass je­der sei­ne ei­ge­ne Volks­wirt­schaft wett­be­werbs­fä­hig macht. Doch in dem Mo­ment, wo je­der in die­se Rich­tung ar­bei­tet und die ge­mein­sa­men Haus­halts­re­geln ak­zep­tiert, liegt es in un­se­rem ge­mein­sa­men In­ter­es­se, für den Kri­sen­fall oder für ei­ne Re­zes­si­on über ei­nen Me­cha­nis­mus der So­li­da­ri­tät zu ver­fü­gen. Denn so­bald ein Land von ei­ner Wirt­schafts­kri­se er­grif­fen wird, müs­sen wir die An­ste­ckung der an­de­ren Län­der ver­hin­dern. Stren­ge und So­li­da­ri­tät sind kei­ne Ge­gen­sät­ze. So kön­nen wir ei­nen Wirt­schafts­raum bil­den, der mit Chi­na und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ri­va­li­sie­ren kann.

In ei­nem Kri­sen­fall könn­te auch Frank­reich für Zah­lun­gen an an­de­re Län­der her­an­ge­zo­gen wer­den. War­um herr­schen in Frank­reich nicht die glei­chen Be­den­ken wie in Deutsch­land?

Glau­ben Sie mir, die Fran­zo­sen sind ge­nau­so wach­sam. Es kommt nicht in Fra­ge, Gel­der an Län­der zu ver­tei­len, die Re­geln zum Haus­halt und zur Ver­schul­dung igno­rie­ren und sich nicht um ih­re Wett­be­werbs­fä­hig­keit be­mü­hen. Frank­reich war nie­mals der An­sicht, dass So­li­da­ri­tät um­sonst zu ha­ben ist. Tritt­brett­fah­rer ak­zep­tie­ren wir auch nicht. Hö­ren wir mit den Kli­schees end­lich auf. Statt­des­sen möch­te ich mei­nen deut­schen Freun­den zei­gen, wel­che wich­ti­gen Schrit­te Frank­reich un­ter­nom­men hat: Wir ha­ben wich­ti­ge Struk­tur­re­for­men im Steu­er­sys­tem und auf dem Ar­beits­markt vor­ge­nom­men, die sich in Zu­kunft auch fort­set­zen wer­den. Frank­reich ist 2017 mit sei­ner Neu­ver­schul­dung auch erst­mals seit zehn Jah­ren wie­der un­ter die 3-Pro­zent-Gren­ze zu­rück­ge­kehrt.

Ih­re Eu­ro­pa-Plä­ne be­zie­hen sich auf den Eu­ro­raum, nicht auf die EU. War­um?

Wir wol­len in ei­nem ers­ten Schritt Ver­hand­lun­gen auf der Ebe­ne des Eu­ro­rau­mes zwi­schen den 19 Mit­glied­staa­ten. Al­le EU-Län­der sol­len aber in­for­miert wer­den und kön­nen in ei­nem zwei­ten Schritt Vor­schlä­ge vor­brin­gen. Die 19 Eu­ro-Mit­glied­staa­ten ha­ben mit dem ge­mein­sa­men Geld wich­ti­ge Sou­ve­rä­ni­täts­rech­te ge­teilt, sie ha­ben da­her das Recht, frei un­ter sich zu ver­han­deln.

Soll­te Bul­ga­ri­en dem Eu­ro bei­tre­ten? Bul­ga­ri­en hat wich­ti­ge Re­for­men un­ter­nom­men. Die EU-Kom­mis­si­on hat uns über die Er­fül­lung der Bei­tritts­kon­di­tio­nen zu un­ter­rich­ten. Aber wir dür­fen die Prio­ri­tä­ten nicht aus den Au­gen ver­lie­ren. Obers­te Prio­ri­tät ist die wei­te­re In­te­gra­ti­on der Eu­ro­zo­ne. Schon in der Ver­gan­gen­heit sind wir mit der Er­wei­te­rung rasch vor­an­ge­schrit­ten und ha­ben da­bei die In­te­gra­ti­on und den Re­spekt der ge­mein­sa­men Re­geln ver­nach­läs­sigt. Da­für ha­ben wir teu­er be­zahlt.

Was hal­ten Sie von der Idee, den eu­ro­päi­schen Sta­bi­li­täts­me­cha­nis­mus (ESM) in ei­nen eu­ro­päi­schen Wäh­rungs­fonds zu ver­wan­deln?

Wir müs­sen den ESM rasch stär­ken. Aber ich wür­de ihn nicht Wäh­rungs­fonds nen­nen, weil dies zu Ver­wechs­lun­gen mit dem In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF) füh­ren könn­te. Au­ßer­dem geht es nicht um Wäh­rungs­po­li­tik, son­dern um Sta­bi­li­sie­rung und wirt­schaft­li­che Kon­ver­genz. War­um den ESM stär­ken? Wir müs­sen auf die nächs­te Kri­se vor­be­rei­tet sein. Da­für braucht der ESM neue Kom­pe­ten­zen für die Be­reit­stel­lung fi­nan­zi­el­ler Hilfs­pro­gram­me. Er muss über Li­qui­di­täts­li­ni­en ver­fü­gen, die in de­fi­nier­ten Fäl­len be­reit­ge­stellt wer­den. Da­bei soll­te der ESM un­ter Uni­ons­recht ge­stellt wer­den, da­mit er schnel­ler ent­schei­den kann. Der ESM soll­te auch die Letzt­ab­si­che­rung („back­stop“) für die Ab­wick­lung nicht­le­bens­fä­hi­ger Fi­nanz­in­sti­tu­te über­neh­men.

Sind Sie mit Ih­ren deut­schen Ge­sprächs­part­nern da schon ei­nig?

Ja, bei all den ge­nann­ten Punk­ten, nur bei ei­nem nicht: Die Fra­ge, ob es im Fall ei­nes Hilfs­pro­gramms durch den ESM au­to­ma­tisch ei­ne Schul­den­re­struk­tu­rie­rung ge­ben soll. Wir glau­ben, man soll­te je­de Au­to­ma­tik aus­schlie­ßen. Sie wür­de die Märk­te de­sta­bi­li­sie­ren. In po­li­ti­scher Hin­sicht bin ich auch ge­gen ei­ne Au­to­ma­tik, denn sie ent­zieht den Po­li­ti­kern ih­re Ver­ant­wor­tung. Sie müs­sen sich mit ih­ren Ent­schei­dun­gen vor dem Volk ver­ant­wor­ten. Au­to­ma­ti­sche Re­ge­lun­gen wür­den das aus­he­beln.

Wel­che Re­for­men wol­len Sie für den Er­halt fi­nan­zi­el­ler Hilfs­pro­gram­me durch den ESM ver­lan­gen?

Die Rück­kehr zu ei­ner gleich­ge­wich­ti­gen Wirt­schafts­po­li­tik, zu ei­ner Wie­der­er­lan­gung von Wett­be­werbs­fä­hig­keit und zu ei­nem Re­spekt der ge­mein­sa­men Re­geln. Die Hil­fe wird nicht um­sonst zu ha­ben sein.

Zur Ban­ken­uni­on: Auf deut­scher Sei­te will man die Ver­flech­tung schwä­cheln­der Staa­ten mit ih­ren schwä­cheln­den Ban­ken ver­rin­gern, in­dem das Hal­ten von An­lei­hen der ei­ge­nen Staa­ten be­grenzt wird. Was mei­nen Sie da­zu?

Es gibt im­mer ei­nen Vor­wand, um bei der Ban­ken­uni­on nicht vor­an­zu­schrei­ten. Ich bin da­von über­zeugt, dass sich die Ver­tei­lung der Staats­an­lei­hen in den Ban­ken­bi­lan­zen schritt­wei­se aus­gleicht, wenn wir mehr In­te­gra­ti­on im Eu­ro­raum her­ge­stellt ha­ben. Es wird dann zu ei­ner grö­ße­ren Di­ver­si­fi­zie­rung kom­men. Man kann aber noch mehr tun bei den aus­fall­ge­fähr­de­ten Kre­di­ten in den Bank­bi­lan­zen. Ita­li­en hat schon er­heb­li­che An­stren­gun­gen vor­ge­nom­men, nach Ge­sprä­chen mit mei­nem ita­lie­ni­schen Amts­kol­le­gen sind wir aber ei­nig, dass man bei der Ver­rin­ge­rung der aus­fall­ge­fähr­de­ten Kre­di­te noch wei­ter ge­hen kann.

Wie weit sind Sie mit der Aus­ar­bei­tung ei­ner ge­mein­sa­men Be­mes­sungs­grund­la­ge für die Un­ter­neh­mens­be­steue­rung zwi­schen Frank­reich und Deutsch­land?

Wir be­fin­den uns in fort­ge­schrit­te­nen Dis­kus­sio­nen mit Deutsch­land. Es ist jetzt Zeit, zu ent­schei­den. Was hält uns da­von zu­rück? Das The­ma wird auf der Ta­ges­ord­nung ste­hen, wenn ich mei­nen deut­schen Amts­kol­le­gen nach der Bil­dung ei­ner Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on erst­mals tref­fen wer­de.

Frank­reich will ja auch ei­nen ge­mein­sa­men Kor­ri­dor für die Steu­er­sät­ze.

Erst mal brau­chen wir die ge­mein­sa­me Be­mes­sungs­grund­la­ge mit Deutsch­land und dann hof­fent­lich auch in Eu­ro­pa. Der fran­zö­si­sche Prä­si­dent hat von ei­nem Kor­ri­dor als zwei­tem Schritt ge­spro­chen. Dass Frank­reich sei­nen Satz der Kör­per­schaft­steu­er von 33 auf 25 Pro­zent senkt und sich da­mit dem eu­ro­päi­schen Durch­schnitt nä­hert, wird die Dis­kus­si­on er­leich­tern.

Wie soll Eu­ro­pa auf die Steu­er­sen­kun­gen durch Do­nald Trump re­agie­ren?

Es ist in­ter­es­sant, dass erst­mals die Fi­nanz­mi­nis­ter von Frank­reich, Spa­ni­en, Deutsch­land, Ita­li­en und Groß­bri­tan­ni­en ge­mein­sam an ih­ren ame­ri­ka­ni­schen Amts­kol­le­gen ge­schrie­ben ha­ben, um ih­re Be­un­ru­hi­gung zum Aus­druck zu brin­gen. Man sieht, dass Eu­ro­pa hier für sei­ne Wer­te ein­steht und sei­ne In­ter­es­sen ver­tei­digt. Wir se­hen die­se Ge­mein­sam­kei­ten auch bei den Fort­schrit­ten in der ge­plan­ten eu­ro­päi­schen Be­steue­rung der neu­en Di­gi­tal­kon­zer­ne.

Das Ge­spräch führ­te Chris­ti­an Schu­bert.

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Letzte Änderung 08/03/2018

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