Frankreich in Sachen technische Textilien spitze [fr]

GIF Aérazur, Babolat, Béal, Cardial, Cousin Biotech, Floréane, Kermel, Texinov: Es ist durchaus möglich, dass Sie die Namen dieser Unternehmen noch nie gehört haben. Man muss jedoch wissen, dass die genannten Unternehmen zu den weltweit führenden Spezialisten im Bereich der technischen Textilien (TechTex) gehören, denen man zunehmend im Alltagsleben begegnet.

24 % der europäischen Produktion dieser Textilien mit ihren speziellen, auf bestimmte Anwendungen maßgeschneiderten Eigenschaften, kommen allein aus Frankreich. Diese Textilien, die gewebt, gewirkt oder nicht gewebt (non-wovens) sein können, sind in vielen Bereichen anzutreffen: Landwirtschaft, Gesundheit, Verkehr, persönlicher Schutz (PSA), Baugewerbe (Saint-Gobain Vetrotex ist weltweiter Marktführer für Glasfasern zur Verstärkung von Beton), Hoch- und Tiefbau, Sport, Industrie, Elektronik, Agrar- und Ernährungswirtschaft. Die Eigenschaften dieser Textilien sind sehr vielfältig: hohe Festigkeit, feuerbeständig, antimikrobielle Wirkung, UV-Schutz, antistatische Wirkung usw.

In Frankreich sind über 370 Unternehmen auf technische Textilien spezialisiert. Der von diesem Sektor erwirtschaftete Umsatz (ohne Steuern) belief sich 2012 auf insgesamt 5,88 Milliarden Euro, und die auf non-wovens spezialisierten Unternehmen exportieren über 67% ihrer Produktion. Nach den Stütz- und Kompressions-Artikeln (Thromboseprophylaxestrümpfe) und den Geotextilien zur Stabilisierung oder Bewehrung von Straßen haben die Hersteller im Laufe der Jahre zunehmend innovativere Textilien entwickelt. So kann die Schutzkleidung der Feuerwehrleute heute z.B. die Umgebungstemperatur anzeigen oder die Toxizität des bei einem Brand entstehenden Rauchs messen. Die Meta-Aramidfasern der Firma Kermel (Ostfrankreich) sind somit besonders bei der Entwicklung von Objekten gefragt, die in einem von hoher Hitze geprägten Umfeld zur Anwendung kommen.

Landwirten stehen nunmehr Sonnenschutzmaterialien (Planen, Folien) zur Verfügung, mit denen eine kontrollierte Reifung der Kulturen möglich ist. Das KMU Texinov hat beispielsweise gemeinsam mit dem INRA (Institut für Agrarforschung) ein Textilgewebe entwickelt, das die Sonnenstrahlung reflektiert und so den Ertrag der Weinreben steigert und gleichzeitig die Traubenqualität verbessert.

Auch in der Industrie kommen diese Textilien zunehmend zur Anwendung, da sie sehr leicht sind und über spezifische Eigenschaften verfügen, insbesondere über eine hohe Festigkeit, die oft die von Metallen wie Stahl übersteigt. Und wem ist heutzutage schon bekannt, dass Fasern 11% der durchschnittlichen Masse eines Fahrzeugs ausmachen? In Frankreich haben sich NCV und Aérazur (Tochtergesellschaft der französischen Gruppe Zodiac Aerospace) auf die Fertigung von Textilien für Airbags für die Automobilindustrie spezialisiert. Bei den Bremsen von Flugzeugen von Airbus und Boeing sowie von Formel 1-Rennwagen bestehen die Bremsscheiben und –belege aus Kohlenstoff, die vorwiegend vom weltweit führenden Hersteller von Bremssystemen für die Luftfahrt, Messier-Bugatti, oder dem Automobilzulieferer Valeo gefertigt werden.
Im Sport und in der Freizeit sind die technischen Textilien Made in France ebenfalls sehr gefragt, wie die 3D-Segel von NCV oder die bei Profi- und Amateurbergsteigern sehr beliebten Kletterseile der Hersteller Cousin Trestec und Béal. Zahlreiche Tennisprofis profitieren ebenfalls von den letzten technologischen Fortschritten, beispielsweise von den von der Firma Babolat entwickelten Schlägerbespannungen.

Auch vernetzte Textilien werden immer gefragter und bieten ein zukunftsträchtiges Entwicklungspotenzial. Hier ist CityZen Sciences heute bereits ganz vorne mit dabei. Dieses junge und dynamische Unternehmen sorgte auf der letzten "Consumer Electronics Show" von Las Vegas mit seinen "intelligenten" Textilien für besonderes Aufsehen. Das von diesem Start-up entwickelte D-shirt, das die physiologischen Parameter eines Sportlers ermitteln kann, wird voraussichtlich Ende des Jahres auf den Markt kommen. Im Rahmen seiner internationalen Ausrichtung wird das Unternehmen zunächst in die Vereinigten Staaten und China expandieren.

Eine wahre Revolution ist dagegen im Gesundheitssektor zu beobachten. Das Unternehmen Cardial hat mit seinen aus Polyethylenterephthalat-Fasern gefertigten künstlichen Arterien Weltruhm erlangt. Das Unternehmen Floréane hat als Marktführer in seinem Segment ein anerkanntes Know-how im Bereich der Parietal- und Viszeral-Chirurgie erworben. In Nordfrankreich fertigt Cousin Biotech in begrenzten Serien chirurgische Implantate für Rückenerkrankungen, z. B. Gefäßprothesen sowie Verstärkungen von Bändern. Weiterhin zu nennen wäre auch das Labor Gemtex, das derzeit an einem Leuchttextil arbeitet, das eine photodynamische Therapie zur Behandlung von bestimmten Krebskrankheiten ermöglichen könnte.

Die Stärke Frankreichs in diesem Sektor ist im Wesentlichen der Qualität seiner Hochschulbildung zu verdanken, so z. B. an der École nationale supérieure des arts et industries textiles, die allein über 60 % der französischen Textilingenieur-Diplome vergibt. Die Studenten können sich ebenfalls für Berufe dieses Sektors an der Ecole des hautes études d’ingénieurs von Lille, an der Ecole nationale supérieure d’ingénieurs der Universität von Mulhouse oder auch am Institut Textile et Chimique von Lyon ausbilden lassen. Die Ecole nationale supérieure de création industrielle bietet mit seinen drei Studiengängen: Industriedesign, Textildesign und Fort- und Weiterbildung ebenfalls eine Ausbildung auf höchstem Niveau.
Die TechTex-Branche und ihre zahlreichen Anwendungsbereiche eröffnen unzählige Entwicklungsperspektiven. Die französischen Unternehmen werden sich noch lange an der Spitze dieses zukunftsträchtigen Sektors behaupten können.

Marco Rangi

Letzte Änderung 01/10/2014

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