Frankreichs kleine Schulrevolution: Das neue Abitur 2021 [fr]

Das französische Gymnasium steht nach den am 14.2.2018 von Bildungsminister Jean-Michel Blanquer vorgestellten Plänen vor einem großen Umbruch.

Die Reform zielt darauf ab, die Organisation und die Angebote des allgemeinbildenden Gymnasiums (41,2% eines Jahrgangs) zu straffen und eine gerechtere Abiturprüfung zu gewährleisten, die zudem Lernende und Lehrende entlastet. Um der Tatsache entgegenzuwirken, dass 61% der Studierenden ihr Universitätsstudium nicht in dem Fach beenden, in dem sie angefangen haben, soll das neue Abitur auch zu einer besseren Vorbereitung der Absolventinnen und Absolventen auf das Universitätsstudium führen.

Die Maßnahmen werden zum Schuljahresbeginn 2019/2020 umgesetzt, so dass das Abitur 2021 erstmals nach den neuen Regeln stattfinden kann.

Unterrichtsorganisation: Gemeinsamer Sockel und neigungsgerechte Wahlfächer statt starrer Züge

Die bisherigen Spezialisierungen beim allgemeinbildenden Abitur mit den Zügen Literatur (L), Wirtschaft und Soziales (ES) und Wissenschaft (S) werden abgeschafft. Sie werden durch drei verbindliche Unterrichtsangebote ersetzt:

- einen großen gemeinsamen kulturellen Sockel mit humanistischer und wissenschaftlicher Ausrichtung, der den Blick auch auf wichtige Zukunftsthemen richtet;

- einen Wahlbereich, bei dem die Schülerinnen und Schüler – ähnlich dem deutschen Leistungsfachsystem – eine Spezialisierung nach Neigung wählen. Dies sind drei Fächer in der 11. Klasse (première) und zwei dieser gewählten Fächer in der 12. Klasse (terminale).

Diese Schwerpunktfächer werden mit einer größeren Stundenzahl unterrichtet. Ein erweitertes Fächerangebot, das auch Themen wie Wissenschaftskultur einbezieht, ermöglicht es, die großen Herausforderungen der heutigen Welt zu verstehen. Hierzu wird der Hohe Rat für Lehrpläne Inhalte für neue Fächerkombinationen erarbeiten, wie etwa Human- und Geisteswissenschaften im digitalen Zeitalter, Geographiegeschichte, Geopolitik und Politikwissenschaften, Informationstechnologien und Digitalwirtschaft;

- schulbegleitende Orientierungshilfen über die ganze Gymnasialzeit für die weitere Ausbildung nach dem Abitur (z.B. in Klein- oder leistungsdifferenzierten Gruppen, MOOC etc.)

Das technologische Abitur (15.7% eines Jahrgangs) bleibt bei seinen bisherigen Spezialisierungen (séries), ergänzt durch einen größeren gemeinsamen kulturellen Sockel.

Der neue Stundenkanon

Première Terminale
1) Gemeinsamer kultureller Sockel (16 Std.) (15,5 Std.)
Französisch 4
Philosophie 4
Geschichte und Geographie 3 3
Staatsbürgerkunde 30 Minuten 30 Minuten
Fremdsprachen (1.+2.) 4,5 4
Sport 2 2
Lebenswissenschaften und Digitales 2 2
2) Leistungsfächer (12 Std.- 3 Fächer) (12 Std.- 2 Fächer)
- Kunst
- Geschichte/Geographie/Geopolitik/ Politikwissenschaft
- Sprachen und fremdsprachige Literatur
- Mathematik
- Informationswissenschaften und Digitales
- Lebenswissenschaften und Umwelt
- Wirtschaft und Soziales
- Physik und Chemie
jeweils 4 Std. jeweils 6 Std.
3) Berufliche Orientierungshilfen 1,5 Std. 1,5 Std.
Gesamtstundenzahl 29,5 Std. 29 Std.

Daneben gibt es auf freiwilliger Basis Zusatzangebote etwa in Mathematik und Recht mit maximal drei Stunden in der Woche.

Entzerrte Leistungsbewertung

Bisher entschied hauptsächlich die Abiturprüfung über die Abschlussnote, was das Ergebnis auch sehr stark von der Tagesform abhängig machte. Die bisherige Praxis mit allen Klausuren innerhalb von acht Tagen strapazierte zudem nicht nur die Prüflinge, sondern auch die Korrigierenden extrem.

Ab 2021 wird das Gewicht der Abiturprüfung relativiert. Die Abschlussprüfungen gehen dann nur noch zu 60% in die Endnote ein, 30% des Ergebnisses beruhen auf unterrichtsbegleitenden Leistungskontrollen in den letzten beiden Schuljahren (première und terminale) und 10% auf den Zwischenzeugnissen.

Die Abiturprüfung

Wie heute auch schon, findet die schriftliche und mündliche Prüfung im Fach Französisch vorgezogen zum Abschluss der première (11. Schuljahr) im Juni statt.

Zum Abschluss der terminale gibt es folgende Prüfungen:

- Zwei schriftliche Prüfungen in den jeweiligen Leistungsfächern.

- Eine schriftliche Prüfung in Philosophie für alle. Diese französische Tradition, die das kritische Denken der jungen Generation fördern soll, wird aufrecht erhalten.

- Eine 20-minütige mündliche Präsentationsprüfung über ein frei gewähltes Thema vor einer aus drei Lehrkräften bestehenden Jury. Das über die letzten beiden Schuljahre vorbereitete Thema kann an ein Fach gebunden oder auch fächerübergreifend sein.

Im Prüfungsgespräch werden auch die über das Thema hinausgehenden Analysefähigkeiten, z.B. die Einordnung in die während der Schullaufbahn vermittelten wissenschaftlichen und historischen Zusammenhänge, beurteilt. Diese Neuerung erfolgt vor dem Hintergrund, dass der sprachliche Ausdruck und das öffentliche Präsentieren für das Studium und das Berufsleben von großer Bedeutung sind.

Die Prüfungstermine

Die Prüfungstermine werden gegenüber der bisherigen Praxis entzerrt. Nach der Französisch-Prüfung zum Ende der première finden die Leistungskursprüfungen nach den Frühjahrsferien des letzten Schuljahres statt, die Ende April enden. Die Philosophieprüfung sowie die Präsentationsprüfung folgen dann später erst Ende Juni.

Die unterrichtsbegleitenden Prüfungen

Die unterrichtsbegleitenden Prüfungen, die künftig mit 30% in die Abiturnote eingehen, finden in den letzten beiden Schuljahren in den jeweiligen Leistungsfächern statt. In der première im Januar und April und in der terminale im Dezember.

Zur Gewährleistung der Chancengleichheit in allen Schulen Frankreichs wird eine landesweite „digitale Themendatenbank“ eingerichtet. Die Klausuren werden wie bei der Abiturprüfung anonymisiert und von Lehrenden von anderen Schulen korrigiert.

Die Zwischenzeugnisse gehen mit 10% in die Abiturprüfung ein, um so das regelmäßige Engagement der Lernenden mit einzubeziehen.

Sprachen und europäische Ausrichtung

Die gesamte Schülerschaft wird weiterhin in zwei lebenden Fremdsprachen unterrichtet. Die schriftlichen Arbeiten werden nach europäischen Standards bewertet.

Daneben wird eine Politik der Zertifizierung für Schulen mit europäischen und internationalen Sektionen weiter verfolgt, so wie auch für Schülerinnen und Schüler, die sich auf Sprachen und fremdsprachige Philologien spezialisieren.

Vier Grundprinzipien des Abiturs bleiben unberührt:

1. Das Abitur gilt ab einem Notenschnitt von 10 (von 20) als bestanden.
2. Es gibt keine Ausschluss- oder Mindestnoten für einzelne Fächer.
3. Das System der Anrechnung von Ausgleichsnoten und Auszeichnungen (z.B. „mit sehr gut“) wird beibehalten.
4. Eine zusätzliche mündliche Prüfung nach den Abiturklausuren als zweite Chance wird beibehalten.

Letzte Änderung 05/04/2018

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