Französische Spitzenkompetenz in der Chirurgie ohne Hautschnitt [fr]

Prof. Jacques Marescaux, Präsident des Krebsforschungs- und Ausbildungszentrums IRCAD-EITS - JPEG Französische Experten sind als Vorreiter in der Entwicklung und Lehre sogenannter mikroinvasiver Techniken, insbesondere in der transgastrischen Chirurgie, weltweit anerkannt. Ständige Innovationen für den Einsatz von Robotik und virtueller Technik bei Operationen eröffnen neue Perspektiven wie z.B. chirurgische Eingriffe ohne sichtbare Narbe.

Die Chirurgie hat in den letzten Jahren eine echte Revolution erlebt. Die von französischen Chirurgen entwickelte minimalinvasive Chirurgie hat einen großen internationalen Markt erschlossen, insbesondere in Japan, den Vereinigten Staaten, Lateinamerika oder China, aber auch in Spanien, Deutschland und Italien. Ein neues, in voller Entwicklung befindliches Konzept ist die transluminale Chirurgie oder Chirurgie ohne sichtbare Narbe.

„Mit der hautschnittfreien oder transluminalen Chirurgie, wo der Zugang über natürliche Körperöffnungen erfolgt, wird ein weiterer Schritt vollzogen. Eine immer weniger invasive Chirurgie bringt erhöhte Leistung“, so Jacques Marescaux, Professor für Chirurgie am Hochschulklinik-Institut (IHU) Straßburg und Präsident des Krebsforschungs- und Ausbildungs-zentrums IRCAD-EITS. Im Gegensatz zur klassischen Chirurgie erfolgt bei der mikroinvasiven Chirurgie der Zugang des Operateurs zum Zielorgan über eine natürliche Körperöffnung (Mund, Rektum, Harnröhre) wobei mit extrem miniaturisierten Instrumenten gearbeitet und nur kleinste Schnitte vorgenommen werden. „2007 haben wird erfolgreich die weltweit erste Gallenblasen-OP über die Scheide realisiert“, berichtet Prof. Marescaux. Der Ablauf während des Eingriffs wurde von den Chirurgen computerunterstützt mit bildgebender Technik gesteuert. Seither sind in der Abteilung von Prof. Marescaux rund fünfzig Eingriffe dieser Art erfolgreich durchgeführt worden.

Die transgastrische Chirurgie ist ein experimenteller Ansatz für OPs mit Zugang über eine natürliche Körperöffnung. Der Arzt platziert auf diesem Wege ein flexibles Endoskop mit miniaturisierter Kamera. Durch die Magenwand hindurch (transgastrischer Zugang) wird dann das Operationsbesteck, ein langes, schmales Instrument, zum Zielorgan – Blase, Milz, Niere, Darm oder Nebenniere – geführt. Man braucht dafür perfektionierte Robotik. Prof. Marescaux: „Wir erleben heute eine rasante Entwicklung der flexiblen Robotik. Dank modernster IT werden die Eingriffe künftig halbautomatisch erfolgen können. In Frankreich besitzen wir das Institut für IT- und Automationsforschung INRIA mit einem Team von 3000 Ingenieuren, die weltweit zu den angesehensten ihrer Zunft gehören.“

Viele aktuelle Forschungsarbeiten kombinieren Robotik (präzise bewegliche Instrumente…) und Telemanipulation (spezialisierte Software) für eine hochgenaue Führung des Operateurs. Die Punkte, die noch verbessert werden müssen, betreffen die physiologischen Bewegungen der Organe und die Körperbewegungen des Patienten (Atmung, Herzschlag).

„Zahlreiche Länder interessieren sich für unsere Erfahrung und nehmen unsere Hilfe in Anspruch. Unser Institut schult jährlich ca. 4000 Chirurgen aus 92 Ländern. Wir verfügen über ein phänomenales Reservoir kreativer Köpfe“, merkt Prof. Jacques Marescaux an. Nach dem Vorbild des elsässischen IRCAD entstand 2008 in Changhua an der Westküste Taiwans ein ähnliches Zentrum namens ASIA-IRCAD. Mit rund zwei Millionen auszubildenden Chirurgen ist der einschlägige Markt enorm. Das international renommierte Institut positioniert sich als größte Einrichtung Asiens für Ausbildungsgänge im Bereich der minimalinvasiven Chirurgie. 2009 eröffnete das IRCAD einen weiteren Ableger im brasilianischen Bundesstaat Sao Paulo. „Die drei Zentren arbeiten sowohl im klinischen Bereich als auch in Forschung und Ausbildung partnerschaftlich zusammen. Wesentlich ist der Wissens- und Know-how-Transfer.“

Die hier beschriebene chirurgische Spitzentechnik bietet eine Vielzahl von Vorzügen: Man kann damit auch fragile Patienten, insbesondere alte Menschen operieren und komplexere Krankheiten wie z.B. Krebs besser behandeln. Hinzu kommen Vorteile wie: weniger Schmerzen nach der Operation, verringertes Komplikationsrisiko, deutlich schnelleres Verheilen, eine schwächere Narkose und kürzerer Krankenhausaufenthalt; ein ästhetischer Pluspunkt ist das Fehlen einer sichtbaren Narbe. Der hochpräzise Roboter ermöglicht es dem Chirurgen, schneller und konzentrierter zu arbeiten.

In diesem Streben nach einer immer weniger aggressiven Chirurgie kündigt Prof. Marescaux, der 2001 die weltweit erste Teleoperation mit einem Chirurgen in New-York und einer Patientin in Straßburg initiierte, eine neue Revolution an: die Unterstützung durch die virtuelle Realität. Dabei wird ausgehend von Scanner- oder Kernspin-Aufnahmen des Patienten eine 3D-Kopie des zu operierenden Organs erstellt; der Chirurg wird wie durch einen transparenten Körper geführt. So kann man den Eingriff simulieren und im Vorhinein proben, bis ein im Computer aufgezeichneter optimaler Ablauf erreicht ist.

Die Erfindung der „hybriden“ Chirurgie könnte das IHU Straßburg, einen erst vor kurzem geschaffenen Exzellenzcluster (einer von insgesamt sechs in Frankreich), zum Mittelpunkt der neuen chirurgischen Welt machen. Das Institut mit futuristischen Endoskopieräumen und weltweit einzigartigen OP-Sälen wird voraussichtlich auch 2000 Arbeitsplätze entstehen lassen. Operationsabläufe planen und unter unmittelbarer Kontrolle live am kranken Organe ausführen – dies alles könnte für den Arzt möglich werden. „Die Chirurgie der Zukunft“, begeistert sich Prof. Marescaux.
Annik Bianchini

- Institut de Recherche contre les Cancers de l’Appareil Digestif (IRCAD)
- Institut National de Recherche en Informatique et Automatique (INRIA

Letzte Änderung 17/10/2012

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