Gedenkstätte Yad Vashem [fr]

Jerusalem, 23. Januar 2020
Auszüge aus der Rede von Staatspräsident Emmanuel Macron anlässlich der Gedenkfeierlichkeiten zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau

(Es gilt das gesprochene Wort)

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Fast auf den Tag genau vor 75 Jahren kamen die tapferen Soldaten der Roten Armee am 27. Januar 1945 nach Auschwitz Birkenau, im von Nazideutschland besetzten Polen.

Sie alle haben von diesem lähmenden Augenblick für die Menschheit gesprochen. In diesem Moment wurde die Befreiung des Lagers jedoch nicht gefeiert, es gab keine Jubelschreie, nicht mal Wutausbrüche, nur Stille und Tränen.

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Es galt dem Aufruf von Simon Dubnow an seine Mitgefangenen im Rigaer Ghetto nachzukommen: „Brüder, schreibt alles auf, notiert alles, um es den künftigen Generationen zu erzählen.“ Es galt die Arbeit von Isaac Schneersohn fortzuführen, der 1943, mitten in den dunkelsten Zeiten, in Grenoble das Dokumentationszentrum für jüdische Zeitgeschichte gründete. (...) Es galt den unerlässlichen Kampf gegen das Schweigen zu führen, die Verleugnung zu überwinden und dem verheerenden, unerträglichen und schuldhaften Vergessen ein Ende zu setzen.

Es bedurfte der unglaublichen Energie von Verfechtern der Wahrheit wie Serge und Beate Klarsfeld, um alle Namen, Gesichter und Lebensgeschichten aufzuspüren und unermüdlich die Mörder zu jagen.

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Der Holocaust ist keine Geschichte, die wir manipulieren, benutzen oder neu definieren können. Nein! Es gibt Gerechtigkeit, es gibt die Geschichte mit ihren Beweisen und es gibt das Leben unserer Nationen. Das dürfen wir nicht vermischen. Denn sonst laufen wir Gefahr, wieder gemeinsam ins Unglück zu stürzen. Niemand hat das Recht, sich auf diese Toten zu berufen, um die heutigen Spannungen und den Hass zu rechtfertigen. Denn all die Gefallenen verpflichten uns zur Wahrheit, zum Gedenken, zum Dialog und zur Freundschaft.

Ich bin stolz, so viele Länder Europas vereint zu sehen und hier heute mit dem Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, lieber Frank-Walter, zusammenzutreffen, stolz, an Ihrer Seite zu sein und Ihnen zuzuhören. Europa muss an seiner Einigkeit festhalten, es darf nie vergessen und sich niemals spalten lassen. Auch das müssen wir weitergeben. Und auch die internationale Gemeinschaft darf nichts vergessen, nicht vergessen, dass die Grausamkeiten aus der Verleugnung des anderen, des verletzten Völkerrechts und der missachteten Sicherheit der Nationen geboren wurden.

Ich schließe mich Ihnen an, lieber Wladimir, sehr geehrter Präsident Putin. Die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen tragen heute eine historische Verantwortung, und ich teile Ihren Wunsch, uns 75 Jahre später alle zusammenzubringen. Wir sind durch diese Geschichte und seit der Beendigung des Zweiten Weltkriegs die Garanten einer internationalen Ordnung geworden, die vom Recht, der Rechtmäßigkeit und der Achtung eines jeden geprägt ist.

Und genau das müssen wir überall verteidigen. Ja, wir brauchen diese Einigkeit Europas und der internationalen Gemeinschaft, denn der Antisemitismus kehrt heute in unsere Demokratien zurück, gewalttätig und brutal. Er ist zurück und mit ihm auch Hass, Intoleranz und Rassismus. Antisemitismus ist, und das sage ich hier mit aller Deutlichkeit, nicht nur das Problem der Juden. Nein, er ist vor allem das Problem der anderen, denn er ging jedes Mal in unserer Geschichte einem Zusammenbruch voraus. Er ist Ausdruck unserer Schwäche, der Schwäche unserer Demokratien. Ausdruck unserer Unfähigkeit, den anderen zu akzeptieren. Es ist immer die erste Form der Ablehnung des anderen. Und wenn Antisemitismus auftaucht, erstarken alle anderen Formen von Rassismus, Spaltungen werden tiefer und niemand geht als Gewinner daraus hervor.

Und ja, wir sind heute hier, weil wir angesichts dieses neuen Antisemitismus nichts unversucht lassen dürfen. (...) Wir haben zweifellos Fehler gemacht, da dürfen wir uns nichts vormachen, wenn so viele unserer Kinder heute glauben können, was sie glauben, sich der Niederträchtigkeit schlimmster Vorurteile hingeben und Hass nähren, den wir besiegt zu haben glaubten.

Gleichgültigkeit bedeutet bereits Mittäterschaft. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass unser Gegenmittel zum aktuellen Hass in der Bildung liegt.

Zakhor lo tichka’h, erinnere dich. Erinnere dich und vergiss nie. Dieses im Zentrum des Judentums stehende Versprechen hat sich die Französische Republik zu Eigen gemacht. Sie hat die Erinnerung an den Holocaust fest in ihren Gesetzen verankert. Sie hat ihn zum Teil des Schulunterrichts erklärt. Sie hat die Namen ihrer Kinder in Mauern verewigt. Frankreich hat sich durch Staatspräsident Chirac seiner Vergangenheit gestellt und die nicht wiedergutzumachende Verantwortung des französischen Staates bei der Deportation der Juden anerkannt. Es weiß, dass es denen viel zu verdanken hat, die in den französischen Dörfern, in den Kirchen unsere Kinder versteckt und beschützt haben und so 240 000 Juden in Frankreich das Leben gerettet haben, darunter 59 000 Kindern, während 11 000 deportiert wurden. Es weiß, was es seinem Sinn für Widerstand und seinen Widerstandskämpfern des zu verdanken hat.

(...)

Diejenigen, die leugnen, relativieren oder sich daran gewöhnen, werden sich immer mit der unerbittlichen Antwort unserer Nation konfrontiert sehen. Mögen wir heute, wir alle zusammen, unsere Jugend ein wenig inspirieren, damit sie diesen Mut findet und damit sie ihrerseits aufsteht, stolz auf unsere Werte ist und diese nicht aufgibt, und damit sie ihrerseits in dem Wissen, was sie gesehen, erlebt und verstanden hat, sagen kann: "Nie wieder, nie wieder".

(Quelle: Website des Präsidialamtes)

Letzte Änderung 07/02/2020

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