Geschichte der Botschaft am Pariser Platz

Ein wenig Geschichte

 

GIF Die Geschichte der französischen Botschaft am Pariser Platz Nr. 5 reicht bis in die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts zurück, als neben anderen Mietern französische Vertreter in Berlin dieses Haus bewohnten. Ihren wirklichen Anfang nahm sie jedoch 1860. Prinz de la Tour d’Auvergne, der damalige französische Gesandte, der seiner schlechten Unterbringung überdrüssig war, wollte der französischen Botschaft von Kaiser Napoleon III. die gebührende Ausstrahlung verleihen. Er regte den Erwerb eines Palais an, das die französische Gesandtschaft aufnehmen konnte. Im April 1860 übermittelte er seinem Minister die Begutachtung eines Palais, "das an einem der schönsten öffentlichen Plätze Berlins, am Beginn der Prachtstraße Unter den Linden unweit des Brandenburger Tors gelegen war". Bereits im September konnte der Kaufvertrag zwischen dem Verkäufer, einem gewissen Herrn Carl, der "geheimer Handelsrat" war, und Napoleon III., der das Gebäude per Prokura als "Regierungschef der französischen Nation" erwarb, unterschrieben werden. Ein Sprachlehrer, Jules-Pierre Ponge, diente als Dolmetscher.

GIF Das Gebäude hatte ein in Frankreich geborener preußischer Offizier namens Bernard de Bauvrye 1735 auf einem Gelände errichten lassen, das ihm König Friedrich I. geschenkt hatte. Es konnte sich zwar sehen lassen, besaß aber bei weitem nicht den Prunk mancher Pariser Palais. In der Tradition der städtischen Palais der friderizianischen Aristokratie erbaut, ähnelte es eher einem großen Bürgerhaus, das ein unmittelbar an der Straße gelegenes Hauptgebäude und einen bescheidenen Garten auf der Rückseite umfasste. Es befand sich zudem in einem sehr schlechten Zustand und war kaum möbliert.

In einer Depesche, die Prinz de la Tour d’Auvergne schon sehr bald nach Paris telegrafierte, brachte er seine Nöte zum Ausdruck: "Im Palais der Gesandtschaft ist derzeit keine einzige Wohnung nutzbar. Ich selbst muß mit zwei Zimmern fürliebnehmen, da alle anderen Räume unmöbliert sind."

Als er Berlin 1864 verließ, hatte sich die Lage kaum gebessert. Und dennoch war das Palais der französischen Botschaft innerhalb nur weniger Jahre zu einer der von der feinen Gesellschaft Berlins am meisten aufgesuchten Adressen geworden. Insbesondere der kurzzeitige Prunk des Empfangs zur Krönung von König Wilhelm I. im Jahr 1861 hatte einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Weit von Berlin entfernt wurde Botschafter Graf Benedetti (1864-1871) in seinem Sommerurlaub 1870 in den diplomatischen Zwischenfall der Emser Depesche verwickelt, der den Krieg auslöste und das vorzeitige Ende seiner Mission in Preußen bedeutete. Von seinem Minister zurückberufen, gab er das Palais am Pariser Platz in die Obhut der Gesandten Englands. Und als 1871 die diplomatischen Beziehungen zwischen dem nunmehr republikanischen Frankreich und dem zu einem Kaiserreich gewordenen Deutschland wieder hergestellt wurden, verschwand der napoleonische Adler an der Botschaft unter einem Weißblechkasten.

Von 1879 bis 1883 wurden umfassende Renovierungsarbeiten durchgeführt. Ein Peristyl an der Vorderseite des Gebäudes ersetzte die ursprüngliche wuchtige Freitreppe. Ein Gewölbejoch wurde nach Osten hin hinzugefügt und das Ganze mit einem neuen Mansardendach mit spiralförmigen Dachklappen gekrönt. Die Fassade wurde im manieristischen Stil neu verziert, und im Innern wurde eine prunkvolle Treppe errichtet. Geschmückt wurden die Räume mit kostbaren Gegenständen des nationalen Möbelmagazins wie Gobelin-Wandteppichen, Porzellan aus der Manufaktur von Sèvres, Gemälden bedeutender Meister usw. Die große Frankreichliebe von Kaiserin Augusta, die enge Beziehungen zu den Töchtern von Botschafter Gontaut-Biron (1871-1877) unterhielt, kam zu dieser Zeit zur vollen Entfaltung. Unter den Botschaftern Saint-Vallier (1877-1881) und Courcel (1881-1886) entwickelten sich die Salons der Botschaft zum Zentrum Pariser Eleganz und Gastronomie in Berlin. Die Mitglieder der Kaiserfamilie, das diplomatische Korps, die Eliten des Militärs, des Geisteslebens und der Finanzwelt des wilhelminischen Reiches waren dort regelmäßige Gäste. Ein Zeitzeuge brachte es wie folgt auf den Punkt: "Man tanzt unter den Linden..., man tanzt am Pariser Platz... Der deutsche Kaiser ist in die französische Botschaft gekommen; er hat Madame de Courcel seinen Arm angeboten und den Gästen bis elf Uhr beim Tanzen zugeschaut." Die Botschafter Herbette (1886-1896) und Marquis de Noailles (1896-1902) unterhielten ausgezeichnete Beziehungen zu den Nachbarpalais, insbesondere zu dem der Prinzessin Radziwill.

Zwischen 1907 und 1914 ließ Botschafter Jules Cambon die Räume von Grund auf modernisieren. Am Pariser Platz wurden nun Telefon und Strom installiert. Die namhaftesten Pariser Häuser wurden mit der Restaurierung des Mobiliars, der Wandbehänge und der Dekortafeln beauftragt. Als 1914 der Krieg ausbrach und der Botschafter gemeinsam mit seinen Mitarbeitern Deutschland verlassen musste, gab er sein Palais in die Obhut der spanischen Botschaft.

Nach dem Versailler Friedensvertrag bereiteten mehrere diplomatische Missionen die Rückkehr der französischen Diplomaten nach Berlin vor. Die Delegation von General Dupont bezog die Räume der Botschaft. Die dortige Küche war seinen Offizieren ein Graus ("wir essen Wochen lang Omeletts aus Mehl"). Als privilegierte Beobachter konnten sie aber die revolutionären Aufstände von 1919 und 1920 unmittelbar verfolgen. Nur langsam entspannte sich die Lage. Und die Botschaft erlangte die Aura der Vorkriegsjahre erst wieder zurück, als Pierre de Margerie (1922-1931) als neuer Gesandter in Berlin eintraf. Bis zu seiner Rückkehr nach Frankreich empfing er unter anderen den Dichter Rainer Maria Rilke und den Maler Emil Orlik, aber auch französische Schriftsteller wie Paul Valéry, André Gide, Jean Paulhan, Colette, André Maurois und Paul Claudel oder die Modeschöpferin Coco Chanel. Zwischen 1928 und 1930 wurde die Fassade der Botschaft grundlegend erneuert: Glastüren, geschützt durch schmiedeeiserne Gitter "nach dem Vorbild des großen schmiedeeisernen Portals des Pariser Justizpalastes", bildeten nunmehr den Eingang zum Palais und ließen Tageslicht weitgehend in die Empfangshalle eindringen. Die barockähnlichen Elemente wurden durch eine strengere klassische Ausgestaltung in den Hintergrund gedrängt. Oberhalb der Fenster wichen die halbkreisförmigen Tympanona dreieckigen Frontispizen, während in die toskanischen Säulen des Peristyls vertikale Kannelüren gehauen wurden, um eine männlichere dorische Säulenordnung zu erreichen. Im Garten wurde ein Nebengebäude für die Unterbringung eines Teils der Verwaltung errichtet. 1931 wurde der siebzigjährige Pierre de Margerie von François Poncet auf dem Botschafterposten abgelöst. Die französische Botschaft hatte ihr Aussehen verändert und sollte nun auch ihren Stil ändern.

Der bedeutende Germanist, Absolvent der École Normale und ein großer Kenner des zeitgenössischen Deutschland, bemühte sich sehr um ein positives Bild seiner Botschaft bei den Berlinern. Er gewährte gleich nach seinem Amtsantritt der Presse und den Fotografen weitgehend Zugang, empfing 1931 Aristide Briand und Pierre Laval, die im Hotel Adlon abgestiegen waren. 1933 verfolgten seine Mitarbeiter und seine Familie von den zum Garten gelegenen Fenstern den Reichstagsbrand. In den darauf folgenden Jahren, als der Pariser Platz immer häufiger zum Schauplatz von Paraden und Aufmärschen wurde, empfing er die unterschiedlichsten Gäste zum Abendessen, von Albert Einstein über die größten Stars des deutschen Films bis hin zu den Würdenträgern des Naziregimes. Während ein unbekannter junger Mann namens Raymond Aron seinem Sohn Lateinunterricht erteilte, organisierte seine Gemahlin verschiedene Veranstaltungen. Bei Konzerten übertrafen sich die Damen des diplomatischen Korps an Eleganz, die Kinder des berühmten Soziologen Werner Sombart, Nicolaus und Minette, nahmen an spektakulären Kindernachmittagen teil. André-François Poncet verließ Deutschland im Herbst 1938. Sein Nachfolger, Robert Coulondre, war der letzte französische Botschafter in Berlin.

Am 2. Mai 1945 wurde das Palais am Pariser Platz Nr. 5 bei einem Bombenangriff zerstört. Die übrig gebliebene Ruine wurde 1959 vollständig abgetragen.

Letzte Änderung 02/07/2008

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