Häuser bedeutender Schriftsteller – Orte mit Atmosphäre [fr]

JPEG Die Wohnstätten von Schriftstellern sind im Allgemeinen eng verbunden mit der jeweiligen Region, die den berühmten Bewohnern auch als Inspirationsquelle diente. Daher ist das Besichtigen dieser Häuser eine bei Besuchern zunehmend beliebte Möglichkeit, Frankreich und die französische Kultur auf originelle Weise kennenzulernen. Zum Erfolg dieser Besichtigungen trägt das Knowhow der öffentlichen und privaten Träger solcher Häuser bei, die landesweit in einem Verband organisiert sind.

Es verlangt viel Engagement und Begeisterung, die Wohnstätten berühmter Schriftsteller zu bewahren und lebendig zu erhalten. Doch die von den Eigentümern – Städte und Gemeinden, Privatleute oder Verbände – unternommenen Anstrengungen werden durch den wachsenden Zuspruch des Publikums belohnt. 2011 wurden 1,5 Millionen Besucher registriert, und der Trend geht kontinuierlich weiter nach oben. „In diesen Häusern kommt eine emotionale Komponente zum Tragen, das Gefühl, bei einem Freund zu Gast zu sein – ein großer Unterschied zu den traditionellen Museen“, meint Sophie Vannieuwenhuyze von der Fédération nationale des maisons d’écrivains et des patrimoines littéraires (Nationaler Verband der Schriftstellerhäuser und der literarischen Vermächtnisse). Die Organisation mit Sitz in Bourges ist mit der kollektiven Interessenvertretung und Förderung dieser über ganz Frankreich verstreuten und sehr unterschiedlichen Kulturstätten beauftragt.

Man kann die rund 185 Häuser, die für das Publikum geöffnet sind, natürlich nicht alle aufzählen! Um einige jedoch kommt man nicht herum, wie z.B. das Hôtel de Rohan-Guéménée an der Place des Vosges im Pariser Marais-Viertel mit seinem großen Fundus an Fotos und Zeichnungen, in dem Victor Hugo Lucrèce Borgia und einen großen Teil von Les Misérables schrieb. Oder das Haus von Honoré de Balzac, ebenfalls in Paris, wo man den Schriftsteller geradezu vor sich sieht, wie er, über seinen Schreibtisch gebeugt, unter Einsatz von viel Kaffee Tag und Nacht an der Comédie humaine arbeitet. All diese Wohnräume zeichnen sich jeweils durch eine ganz eigene Atmosphäre aus: Das Haus des Seefahrers und Schriftstellers Pierre Loti, u.a. Verfasser von Pêcheur d’Islande, in Rochefort an der Antlantikküste, das teilweise einem türkischen Salon oder einer arabischen Moschee ähnelt, ebenso wie das „rosafarbene“ Haus in Illiers-Combray (Region Centre), wo Marcel Proust, der legendäre Verfasser von La Recherche du temps perdu, seine Kindheit verbrachte, oder das Schloss La Vallée-aux-Loups in Châtenay-Malabry unweit von Paris, Refugium von François-René de Chateaubriand, mit seinem atmosphärisch beeindruckenden Park, in dem der bedeutende Autor der Romantik Libanon-Zedern, griechische Platanen und Sumpfzypressen aus Louisiana pflanzte.

Die Schriftsteller wurden jedoch nicht nur von ihrem Wohnsitz inspiriert, sondern auch von Landschaft und Leben rundherum. So begegnet man Balzac zum Beispiel auch im Schloss von Saché im Indre-Tal in seiner Geburtsregion Touraine, das er zum Schauplatz seines Romans Le Lys dans la vallée machte. Vom Centre François Mauriac in Malagar bei Bordeaux aus kann man die Weinberge, die Zypressenhaine und die Landschaften bewundern, wo La Chair et le sang und der berühmte Roman Nœud de vipères entstanden. Auf dem Landsitz von George Sand in Nohant (Region Centre) scheint die Zeit stillzustehen. In der Küche mit ihren Kupferutensilien, im wunderbaren Garten des Anwesens, umgeben von den Geistern vertrauter Persönlichkeiten wie Frédéric Chopin und Alfred de Musset, fühlt man sich wie zuhause. Die von Wäldern und Seen geprägte, faszinierende und geheimnisvolle Gegend, inspirierte z.B. La Petite Fadette oder La Mare au diable. Die Erinnerung an La Bonne Dame, wie George Sand auch genannt wird, ist hier über Generationen hinweg lebendig geblieben. Provence-Liebhabern werden das Haus von Jean Giono in Manosque und die Mühle von Alphonse Daudet in Fontvieille besonders gut gefallen.

Erfolg lässt neue Projekte entstehen. So wird im September 2013 das Geburtshaus von Victor Hugo in Besançon eröffnet werden. Andere Initiativen engagieren sich z.B. für die Erhaltung des Geburtshauses des Journalisten Albert Londres in Vichy oder des Anwesens im Département Ain (unweit der Schweiz), wo Antoine de Saint-Exupéry als Kind lebte.

Die „Historische Straße der Schriftsteller-Häuser“ (Route historique des maisons d’écrivains) lädt ein zum Besuch von zwölf interessanten Orten im Raum Paris, darunter das in seiner Schlichtheit beeindruckende Häuschen von Jean-Jacques Rousseau in Montmorency sowie das bezaubernde Schloss Monte-Cristo von Alexandre Dumas in Port-Marly mit seiner aufwändig verzierten Fassade, aber auch die ehemaligen Wohnsitze ausländischer Persönlichkeiten wie die Datcha von Ivan Tourgueniev in Bougival oder das Anwesen des Symbolisten Maurice Maeterlinck in Médan.

Die Schriftsteller-Häuser bieten vielfach interaktive Veran-staltungen, Ausstellungen, Konzerte, Vorträge und Workshops. Einige beherbergen auch Wohnräume für Schriftstellerresidenzen, eine Bibliothek oder ein Forschungszentrum. Das Jules-Verne-Haus in Amiens (Département Nord) organisiert neben Rundgän-gen mit Führer/innen in historischen Kostümen, die direkt aus den Romanen Tour du monde en quatre-vingts jours oder Vingt mille lieues sous les mers entsprungen scheinen, auch Spiele für Familien, literarische Begegnungen und Erzählveranstaltungen. Die Museumsvilla „Le Clos Arsène Lupin“, ehemals bewohnt vom Erschaffer des gleichnamigen „Gentleman-Gauners“, in Etretat (Normandie), bietet einen Rundgang in Form eines Rätselparcours. Im Geburtshaus von Arthur Rimbaud, La Maison des ailleurs, in unmittelbarer Nähe des Rimbaud-Museums im ostfranzösischen Charleville-Mézières (Est), wird den Besuchern auf anschauliche Weise das Leben des Dichters nahe gebracht.

Auf Initiative Deutschlands sind erste Ansätze für eine europäische Partnerschaft zwischen Schriftsteller-Häusern entstanden, ein echtes nationales Netzwerk existiert jedoch bisher nur in Frankreich. Der bereits genannte französische Verband, Fédération nationale des maisons d’écrivains et des patrimoines littéraires, erhält daher häufig Anfragen und Kontaktgesuche aus anderen Ländern. Beim alle zwei Jahre stattfindenden Verbandstreffen in Bourges waren im vergangenen November auch Letten, Ungarn und Deutsche dabei. Darüber hinaus organisiert der Verband alljährlich im Frühjahr, jedes Mal in einer anderen Region, eine Fachtagung; ab 2013 kommt voraussichtlich noch ein weiteres Treffen im Südwesten hinzu. All diese Veranstaltungen bieten Gelegenheit, Erfahrungen auszutauschen und sich gemeinsam zu engagieren.

Sylvie Thomas

- www.litterature-lieux.com

Letzte Änderung 31/01/2013

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