Historiker Nicolas Offenstadt zum Gedenken an den Beginn des 1. Weltkrieges [fr]

JPEGInterview mit dem französischen Historiker Nicolas Offenstadt zur 100. Wiederkehr des Beginns des 1. Weltkrieges. Offenstadt lehrt an der Pariser Sorbonne (Oktober 2013).

Herr Offenstadt, Sie gelten als Experte für den Ersten Weltkrieg und haben mehrere Bücher zu dem Thema veröffentlicht, darunter 14-18 Aujourd’hui, La Grande Guerre dans la France Contemporaine (erschienen bei Odile Jacob, 2010), Le Chemin des Dames, de l’événement à la mémoire (Sammelband, erschienen bei Stock, 2004) und La Grande Guerre, Le Carnet du centenaire (gemeinsam mit André Loez, erschienen bei Albin Michel). In all diesen Abhandlungen geht es um die kollektive Wahrnehmung der Ereignisse im Ersten Weltkrieg und die Frage, wie sich das Gedenken auf die Geschichtsschreibung auswirkt, insbesondere über den politischen Diskurs.

Mit der Gründung der öffentlichen Interessenvereinigung Mission pour le Centenaire de la Première Guerre mondiale im Jahre 2012 hat die französische Regierung ihr Interesse am Ersten Weltkrieg verdeutlicht. Aufgabe der Vereinigung ist vor allem die Organisation der wichtigsten Gedenkfeierlichkeiten zwischen 2014 und 2018 sowie die Gestaltung der Öffentlichkeitsarbeit.

1. Wie sehen Sie als Historiker diese öffentliche Initiative als federführende Organisation?

Die Mission du Centenaire ist eine gute Sache. Ihr Leiter Joseph Zimet war von Anfang an der Meinung, dass die Geschichtswissenschaft als wichtigste Grundlage dienen muss. Daher hat er dem wissenschaftlichen Beirat, dem Fachhistoriker aus verschiedenen Ländern (unter anderem auch ich) angehören, eine bedeutende Rolle eingeräumt. Natürlich sollen die Historiker nicht die Leitung über die Gedenkfeierlichkeiten übernehmen, aber ihre Erkenntnisse sollen den Rahmen für das Verständnis der Ereignisse bilden. Die Mission zentralisiert verschiedene Initiativen, wodurch man einen guten Überblick erhält. Allerdings bin ich eher kritisch gegenüber der Idee, die Gedenkveranstaltungen zu 1914 und 1944 unter einem Dach zusammenzubringen. Das könnte zu Vermischungen führen.

2. Inwiefern glauben Sie, dass das Gedenken an den Ersten Weltkrieg zur Stärkung der deutsch-französischen Beziehungen beitragen könnte? Scheint es Ihnen akzeptabel – weniger aus historischer Sicht, sondern viel mehr mit Blick auf das Gedenken an sich – den Feierlichkeiten eine deutsch-französische bzw. europäische Note zu verleihen? Und ist es Ihrer Ansicht nach relevant, die Gedenkveranstaltungen „über jedweden Sieg“ zu stellen?

Ich glaube, darauf gibt es keine einfache Antwort. In der deutschen Öffentlichkeit hat der Erste Weltkrieg nicht dieselbe Resonanz wie in Frankreich. Da gibt es einen deutlichen Unterschied in der Intensität des Gedenkens, und um den Gedenkveranstaltungen eine deutsch-französische Note zu geben, müsste dieser Unterschied bzw. das schwächere Interesse der deutschen Gesellschaft an den Jahren 1914-1918 überwunden werden. Ich persönlich denke, dass die Vertiefung der deutsch-französischen Beziehungen in all ihren Aspekten nach wie vor aktuell ist. Das ist auch nicht konstruiert – die Soldaten von damals wussten selbst, dass sie auf beiden Seiten der Front die gleichen Erfahrungen machten, und in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen gab es intensive Bemühungen zur Aussöhnung. Der Erste Weltkrieg, der mittlerweile weit genug zurückliegt, ist in dieser Hinsicht ein guter Aufhänger. Jeder hatte seine Gründe (das meine ich ganz wertfrei). Nun gilt es, die stur nationalen Sichtweisen zu überwinden, was die Politiker leider nicht immer tun (die jüngste Veröffentlichung von Jean-François Copé La bataille de la Marne ist ein gutes bzw. schlechtes Beispiel für dieses Scheuklappendenken). Den Blick auf andere Perspektiven auszuweiten ist im Übrigen ganz allgemein ein gutes Mittel zur Reflexion.

3. Gibt es einen spezifisch deutschen Blick auf den Ersten Weltkrieg?

Ohne Zweifel, aber das hängt immer von der Zeit und dem Milieu ab. Lange war der deutsche Diskurs von der Frage des Versailler Vertrags bestimmt, den die Deutschen als Diktat, als Demütigung, betrachteten, vor allem weil er Deutschland die Kriegsverantwortung zuwies. Dies ist nach wie vor ein großes Thema, zumindest für die Historiker, auch wenn sich die Gemüter mittlerweile beruhigt haben. Der Zusammenhang zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Nationalsozialismus, über den man heute mehr weiß, verkompliziert das Gedenken. In der ehemaligen DDR galt der Erste Weltkrieg vor allem als Weg zur Revolution, zu den Revolutionen. Heute sind die Themen in den verschiedenen Bundesländern auch unterschiedlich gewichtet. Es wäre interessant, im Rahmen der Gedenkfeierlichkeiten den Erinnerungen der Familien Raum zu geben, die ohne Zweifel sehr intensiv sind, doch in der Öffentlichkeit weniger sichtbar als in Frankreich.

4. Kann man sagen, dass in den letzten Jahrzehnten eine Annäherung zwischen französischen und deutschen Historikern zur Frage des Ersten Weltkriegs stattgefunden hat? Wenn ja, inwiefern hat sich dies auf die jeweilige Geschichtsschreibung ausgewirkt?

Heute arbeiten deutsche und französische Geschichtswissenschaftler sehr häufig zusammen und es sind nicht immer nationale Differenzen, die zwischen ihnen stehen, sondern manchmal eher Deutungsunterschiede. Einige Untersuchungsansätze sind hingegen länderübergreifend. Viele Frage werden auf ähnliche Weise behandelt (Gewalt, Fronterfahrungen, Heimatfront). Und ich persönlich kann den Forschungsarbeiten mancher deutscher Kollegen in ihrer Herangehensweise mehr abgewinnen als manchen der mir geographisch nahe stehenden Kollegen.

5. Halten Sie es für sinnvoll, die Gedenkveranstaltungen auf vier Jahre zu verteilen, wo man doch eine einzige Gedenkveranstaltung erwarten könnte, zum Waffenstillstand im Jahre 1918.

Hier hat die Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution als Vorbild gedient, und das Programm in Frankreich ist vor allem auf 2014 konzentriert: 28. Juni, 14. Juli, Anfang August, die Schlacht an der Marne und der 11. November. Auch bei diesem Jubiläum fand ein Großteil der Gedenkveranstaltungen in einem Jahr, und zwar 1989, statt, obwohl sich die Revolution über mehrere Jahre erstreckt hatte. Die Mission du Centenaire sieht es so vor, dass nach 2014 die Regionen und verschiedenen Initiativen das Zepter in die Hand nehmen. Ich wäre eher für eine Art Staffelung gewesen, wo man die Kriegsgeschehnisse und Schauplätze hätte verfolgen können, aber da wäre es schwierig geworden, das Interesse der Öffentlichkeit über mehrere Jahre hinweg aufrecht zu erhalten.

Letzte Änderung 08/11/2013

Seitenanfang