Les guinguettes: Die Tanzlokale im Grünen sind wieder da

guingettes - JPEG Feststimmung beim Tanz unter freiem Himmel, angenehme Nachmittage am Wasser und das gute Essen von einst sind die Markenzeichen der Gartenlokale, die überall in Frankreich an den Flussufern wieder entstehen. In Lyon längs der Saône und in der Region Paris an der Seine und der Marne finden sie ein breites Publikum. Von Nantes bis Angers bringen sie Farbe, authentische Lebensfreude und Ferienstimmung ans Ufer der Loire. Dort legt man in idyllischer Atmosphäre mal einen Swing oder einen Java hin. Oder man lauscht einfach nur einem französischen Chanson.

Im Sommer haben die guinguettes einen ganz besonderen Reiz: Am Wochenende findet man hier sommerliche, festlich gedeckte Tische in Verbindung mit Musik und Tanz. Die Geschichte der guinguettes ist eng mit dem sonntäglichen Volksvergnügen an den Flussufern und den entsprechenden Aktivitäten verbunden: Kahnfahren, Ruderrennen, Fischerstechen, Blumenschmuck-Wettbewerbe für die Boote, Angeln, Schwimmen ... Gern gibt man sich Jahrmarktspielen hin, legt einen Walzer, eine Polka und, zu späterer Stunde, auch gern mal einen Musettewalzer zu Akkordeonmusik aufs Parkett. Frittierte Fische, Aalragout oder auch Miesmuscheln mit Fritten sind die typischen Gaumenfreuden dieser Lokale. Man verbringt einen vergnüglichen Tag in der Familie oder ist bisweilen auch auf der Suche nach einem kleinen Abenteuer ... Eine Lebenskunst, die viele Künstler anzog: Maler, Schriftsteller, Cineasten, Fotografen, Liedermacher … ließen sich von dieser Atmosphäre inspirieren.

Das Wort guinguette leitet sich wahrscheinlich von dem Wort guinguet ab, das einen leichten, säuerlichen, wohlschmeckenden und relativ preiswerten Wein der Île-de-France bezeichnet, den es heute nirgends mehr gibt. Im 18. Jahrhundert erfreuen sich die guinguettes in Paris und in den um die Hauptstadt gelegenen Dörfern großer Beliebtheit. In den 1860 Jahren schließlich werden die ersten Gartenlokale am Ufer der Marne eröffnet. Paris wächst und muss seine Grenzen verlagern ... Und so verlagern sich auch die guinguettes. Die Belle Époque ist der Höhepunkt dieser Vergnügungslokale im Grünen, in denen die Städter den Stress der Stadt hinter sich lassen: Lefèvre, bei der alten Mühle in Bry, Julien auf der Marne-Insel Fanac in Joinville, Hédeline auf der île des Vignerons in Champigny, Gégène in Joinville ...

Heute wie damals sind die guinguettes ein Ort der Geselligkeit und fröhlicher Ausgelassenheit. Das berühmte Tanzlokal Chez Gégène in Joinville-le-Pont, nicht weit von der Porte de Bercy, in unmittelbarer Nähe von Paris, ist immer gut gefüllt. Dieses Lokal mit seiner Terrasse und Blick auf die Marne hat die richtige Atmosphäre für einen schmalzigen Tango oder einen flotten Rock’n Roll und bietet darüber hinaus eine gute Küche. Nach wie vor serviert man hier frittierte Fische mit einem petit vin blanc. Am anderen Flussufer, gleich gegenüber vom Jachthafen von Joinville, empfängt La Goulue ihre Gäste in einem ländlichen und festlichen Ambiente, mit einer traditionellen, hausgemachten Küche. In der guinguette auf der île du Martin Pêcheur in Champigy-sur-Marne wird täglich am Marneufer zum Tanz aufgespielt. Der große Garten am Fluss ist darüber hinaus einer idealer Picknick-Platz.

Der Flusstourismus ist einer der großen Attraktionen im Val-de-Marne. Geboten werden Schiffsfahrten von Anleger zu Anleger, auf den Spuren des petit vin blanc und des Schifferklaviers. Diese Ausflüge auf dem Wasser werden von einem Erzähler begleitet, der die Geschichte der guinguettes in bunten Farben schildert. Manchmal wird auch zu einem Mittagessen halt gemacht.

Auch die Seine hat ihre guinguettes. So ist die vollkommen im Grünen liegende La guinguette de Neuilly auf der Île de la Jatte schon allein wegen ihrer einzigartigen Atmosphäre einen Ausflug wert. Dieses ehemalige Bootshaus mit seinen Holzbalken und rot-weiß-karierten Tischdecken hat das typische Dekor der einstigen guinguettes. Viel jünger hingegen ist La guinguette pirate, die in Paris, am Quai François Mauriac, in unmittelbarer Nähe der Nationalbibliothek, vor rund zehn Jahren eröffnet wurde. Jeden Abend finden auf der Brücke Konzerte statt, und man kann im Restaurant, das sich im Laderaum des Schiffs befindet, gemütlich speisen. Das ebenfalls am Seine-Ufer, in Villeneuve-Saint-Georges, gelegene Lokal La guinguette auvergnate richtet zu Akkordeonklängen Mittags- und Abendessen mit Tanz und kulinarischen Spezialitäten, wie Forellenfilet aus dem Aveyron, aus.

Das Come Back der guinguettes geht mit dem zunehmenden Erfolg der Bistrots und sonntäglichen Brunchs einher, die von vielen „Hip-Lokalen“ angeboten werden. In Lyon zieht seit vielen Jahren der Quai des guinguettes zahlreiche Besucher an, und am Saône-Ufer, in den Monts d’Or, locken einige guinguettes mit besonderen Attraktionen. So beispielsweise das auf der malerischen Île Roy gelegene Ausflugslokal Crusoé. Der hauseigene Fährmann setzt die Gäste zu jeder Tageszeit mit dem Boot über. Die guinguette überrascht mit einem abwechslungsreichen Programm: Boule-Spiel, Solarium, Aktivitäten für Kinder, Tanz und natürlich köstliches Essen im Zelt.

Auch im Anjou, im Westen Frankreichs gibt es guinguettes. Ein langsam fließender Fluss, auf der Wasseroberfläche liegende Sandbänke. Die ideale Atmosphäre, um einige gute Weine der Winzer des Anjou zu kosten. Entlang der Loire reihen sich viele guinguettes: La guinguette chez Jojo, die seine Gäste mit einem neuen, äußerst romantischen Dekor, Blumen, einer überdachten Terrasse und einem malerischen Blick empfängt; das Lokal le Port de vallée, das die perfekte Hochzeit im Esprit der guinguette in Verbindung mit einem guten Essen ausrichtet. Darüber hinaus bietet die Karte örtliche Spezialitäten… Das Noé bistrot inondable, liegt am Zusammenfluss von Maine und Loire. La Riviera hat ihren Platz gegenüber von Saint-Mathurin-sur-Loire, in der Nähe des Anlegers der Fahrgastschiffsgesellschaft Loire de Lumière. An all diesen Orten, die aufgrund ihrer Frische besonders im Sommer geschätzt werden, können Sie Spezialitäten wie Zander in weißer Buttersauce, Lachs mit Sauerampfer oder frittierten Aal kosten.

Bei Nantes liegen die guinguettes am Quai. Hier empfängt das Personal des Poussin rouge und von La Civelle ihre Gäste mit einem netten Lächeln. Im Winter finden Chez Madame Java, in Basse-Île, Konzerte statt. In Caen erfreut sich la guinguette de l’Odon großer Beliebtheit. Die jüngeren Besucher kommen eher am Samstag Abend, um zu Discomusik zu tanzen. „Das Geheimnis des Erfolgs liegt in der richtigen Mischung der Lebensarten, Kulturen, Musik und Generationen“, meint Françoise, eine Einwohnerin des Viertels.

Annik Bianchini

Letzte Änderung 25/04/2012

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