Monet, das impressionistische Auge: Kampf gegen den Grauen Star

Nymphéas (Seerosen) – 1917-1919 – Öl auf Leinwand – H. 100 / L. 300 cm – Paris, Musée Marmottan Monet - JPEG „Monet ist nur ein Auge, aber was für ein Auge!“, sagte einmal Cézanne. Doch es war auch ein krankes Auge, an dem der Maler fast erblindete, als er an der Seerosen-Serie (Nymphéas) arbeitete, dem legendären Meisterwerk des Impressionismus, das er Frankreich 1918 anlässlich der französischen Siegesfeier zum Ende des Ersten Weltkriegs schenkte. Eine spannende Ausstellung, die bis zum 15. Februar 2009 im Musée Marmottan Monet in Paris stattfindet, zeigt mit Hilfe führender Augenärzte, wie Monet den Kampf gegen den Grauen Star gewann. Die schreckliche Sehbehinderung machte ihn mehr oder weniger arbeitsunfähig und zwang ihn dazu, seine Farbpalette zu ändern, um auf der Leinwand präzise Momente entsprechend seinen Sehbedingungen festhalten zu können. Die Ausstellung versteht sich „an der Kreuzung zwischen Kunstgeschichte, neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen über das Auge und Sehvermögen“. Sie zeigt an die sechzig Werke, die aus Sammlungen des Museums stammen (dessen Legatar das Institut de France ist) oder die Leihgaben aus anderen französischen oder auch ausländischen Einrichtungen und Sammlungen sind, um so „zu verdeutlichen, was das Werk und die Originalität eines Malers ausmacht: sein Blick.“

Claude Monet lebte ab 1883 in Giverny, wo er in einem „Wassergarten“, über den eine „japanische Brücke“ führte, alle möglichen Sorten von Seerosen anbaute, einschließlich der weißen Seerosen, auch „Wassermonde“ genannt, die ihn von 1914 bis 1926 zu seiner berühmten Seerosen-Serie inspirierten. Monet schrieb am Tage nach dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 an seinen Freund Georges Clemenceau, den damaligen Regierungschef: „Ich stehe kurz vor Beendigung zweier dekorativer Tafeln, die ich mit dem Tag des Sieges signieren möchte, und ich möchte Sie als Mittelsmann bitten, diese dem Staat zu überreichen. Es ist nicht viel, doch nur auf diese Weise kann ich an der allgemeinen Freude teilhaben.“

Clemenceau eilte nach Giverny und schlug Monet vor, seine Seerosen in der Orangerie des Tuileries-Gartens, am Ufer der Seine unterzubringen und damit an einem privilegierten Ort für diesen Maler, der sein ganzes Leben lang die Natur verehrte. Monet schenkte Frankreich eine Serie von acht großformatigen Wandkompositionen, die er zwar noch nicht beendet hatte, die er jedoch in zwei ellipsenförmigen und von natürlichem Licht erhellten Sälen unterbringen wollte. Auf 22 Tafeln von 2 Metern Höhe und fast 100 Metern Länge entfaltet sich eine Wasserlandschaft, gesäumt von Seerosen, Weidenzweigen, von Spiegelungen der Bäume und Wolken, die dem Betrachter „die Illusion eines unendlichen Ganzen, einer Welle ohne Horizont und Ufer“ vermitteln soll.

Monet, der sich ein neues Atelier in Giverny einrichten ließ, arbeitete unermüdlich an der Fertigstellung seines historischen Geschenks an Frankreich. Doch ab 1912, im Alter von 72 Jahren, spürte er die ersten Auswirkungen des Grauen Stars. Er hatte das Sehvermögen auf dem rechten Auge verloren. Ein daraufhin konsultierter Spezialist stellte einen beidseitigen Katarakt fest, der das rechte Auge stärker als das linke befallen hatte. Die Farben waren nur noch durch eine Art Nebelschleier zu erkennen – ein Drama für den Maler, der über beide Ohren in Licht und Farbe verliebt war. Zunächst lehnte Monet eine Operation ab, die ihm sein Freund Clemenceau nachdrücklich empfahl. Er befürchtete, dass der Eingriff ihn erblinden lassen oder seine Farbwahrnehmung verändern würde. Erst 1923, als sein linkes Auge zu schwach wurde, um weiterhin lesen und schreiben zu können, willigte er schließlich in die Operation ein, die erfolgreich verlief. Er beendete seine Seerosen-Serie, der er die letzten zwanzig Jahre seines Lebens widmete. Doch er sah niemals sein Museum, diesen magischen Ort, den André Masson später „die Sixtinische Kapelle des Impressionismus“ nannte und der im Mai 1927, einige Monate nach dem Tod von Monet am 5. Dezember 1926, eingeweiht wurde.

Die amerikanische Künstlerin Lilla Cabot Perry, die zehn Sommer in Giverny verbracht hatte, erzählt, dass Monet, dessen Nachbarin und Schülerin sie war, „gern blind geboren worden wäre, um dann, nach unverhofftem Erlangen des Sehvermögens, mit dem Malen zu beginnen, in Unkenntnis all der Objekte, die sich vor ihm befunden hätten. Der erste Blick auf das Motiv, betonte er, sei immer der ehrlichste und getreueste.“

Dr. Philippe Lanthony, Augenarzt und Spezialist für Farbwahrnehmungsstörungen, schreibt im überaus spannenden Ausstellungskatalog, dass „Claude Monet erklärt hätte, dass er einen möglichst unverfälschten Blick auf die Welt haben wollte. Er würde kein Blatt malen, so sagte er, sondern einen grünen Fleck, ohne darüber nachzudenken, ob dies ein Blatt sei und an welchem Baum es hängen würde (...). Von Beginn an trennte er die Information über die Farbe von jener über die Form und räumliche Konstellation. Die Forschungsergebnisse der modernen Neurophysiologie haben nun gezeigt, dass dieses Vorgehen sehr genau mit dem Funktionieren des Sehapparates übereinstimmt.“

Bereits vor der Operation nahm Monet die Farben nicht mehr mit der gleichen Intensität wahr („die Rottöne erschienen mir schlammig“), und es fiel ihm schwer, die Töne seiner Malfarbe zu erkennen. Er erzählte, dass er begonnen hätte, seine Farbtuben akribisch genau zu ordnen und dass er sich nur noch „auf die Etiketten“ und auf die „unveränderliche Anordnung“ verließ, nach welcher „er die Farben auf die Palette auftrug.“ Und er nahm keine Blautöne mehr wahr.

Nach der Operation dagegen beklagte er sich, „eine zu gelbe, zu blaue Welt“ zu sehen. Seine getönte Brille, die er nach der Operation trug und die neben der Holzpalette das zugleich bewegendste Objekt der Ausstellung darstellt, war ihm verschrieben worden, um diese Schwächen auszugleichen. Diese treten auf, erklärt Dr. Anthony, da „auf die Netzhaut eines am Grauen Star operierten Auges viel mehr Licht einfällt, als auf die Netzhaut eines normalen Auges.“ Grund dafür ist die Abtragung der Linse, die einen Filter bildet. Die getönten Brillengläser sind dazu gedacht, „die Farbe der normalen Netzhaut zu imitieren.“

„Das Wunderbare an Monets Netzhaut“, bemerkte seinerseits Georges Clemenceau, der zwar kein Fachmann, aber ein aufmerksamer Freund war, „ist, dass er bei weniger als einem Meter Abstand, im Knäuel der Farben und Töne, die im Gedränge des Neben- und Übereinanders ein Feld unauflösbarer Gemische bildeten, die Darstellung des Motivs von nah und von fern gleich scharf wahrnahm. Ich kenne keine andere Erklärung, als dass der Zustand der Netzhaut des Malers es ermöglichte, dass sie sich augenblicklich von einer Sichtweise auf die andere umstellen konnte ...“

„Während er von Jahr zu Jahr die Seerosen immer näher betrachtet,“ schreibt der Kunsthistoriker René Huyghe, „geht er wie hypnotisiert von einem Anblick, der sich normal in sein Sehfeld einschreibt, über zu einer Annäherung, die ihn absorbiert; er beugt sich über den Teich, er verlangt Staffeleien dicht über dem Boden; und schließlich vergisst er das Gleichgewicht, nichts weist mehr daraufhin, wo oben ist, der Himmel, und wo unten, das Wasser, beide vermischen sich innig miteinander, ganz wie Monet und die Natur, die sich gegenseitig aufsaugen.“

Um die Einmaligkeit der Seerosen stärker hervorzuheben, haben sich die Ausstellungskuratoren für eine Präsentation von Monets Gemälden (natürlich nicht jene des Museums der Orangerie, die auf Dauer in ihren ovalen Sälen hängen) „dicht über dem Boden“ entschieden. Dadurch ist der Besucher gezwungen, sich ganz nach dem Willen des Malers über das Wasser zu beugen. Diese Präsentation hebt jedwede Perspektive auf, deren Weiterentwicklung gleichwohl das nahezu gesamte Werk von Monet bestimmte.

„Mit den Seerosen, von nahem und von oben betrachtet,“ unterstreicht Prof. Jacques-Louis Binet, Ständiger Sekretär der Nationalen Akademie für Medizin, „werden Distanz wie auch Perspektive aufgehoben. Die Oberfläche des Teiches wird zu einer Ebene ohne Horizontlinie, die mit den ersten Gemälden verschwindet. Es ist ein „Wasserspiegel“, ohne vertikale oder horizontale Ausrichtung. Der Blick wird nicht mehr gelenkt (...) Narziss sieht sich nicht mehr im Spiegel. Er beugt sich nicht mehr darüber; er ist darin. Er hat sich in eine Seerose verwandelt.“

Die Farben beteiligen sich ebenfalls an der Veränderung des Raums, denn Monets Palette hat sich verändert: „kein farbiger Kontrast mehr, keine Reflektion des Pinselstrichs. Große, fast monochrome Flächen aus fließenden, im Farbkreis einander nahen Farben; Grün oder Blau, manchmal leicht ins Violette spielend, dort wo sich das Wasser des Teiches und die Spieglungen des Himmels miteinander vermischen; und schließlich große, recht dunkle Flächen, von denen sich das Weiß oder Gelb, manchmal das Rot der Blumen oder einiger Seerosen abheben, die kaum gezeichnet, vielmehr umrissen, umrandet wurden und die dennoch ihre Lichtwirbel verbreiten ...“

Ein kleines malerisches Detail: Während seiner ganzen glanzvollen Karriere malte Claude Monet niemals einen Regenbogen.

Claudine Canetti

Letzte Änderung 25/04/2012

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