Muriel Domenach: Gegen Radikalisierung muss der Fokus auf Prävention liegen [fr]

GIF In einem Gastbeitrag in der Tageszeitung Le Monde vom 17.03.2017 hält die Generalsekretärin des interministeriellen Ausschusses für Radikalisierungsprävention, Muriel Domenach, die Zeiten der aufwändigen Maßnahmen zur „Deindoktrinierung“ für überholt. Prävention vor der Radikalisierung: Dafür gibt es kein Wundermittel, aber bereits gute Ansätze.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Le Monde

"Ein Bericht des französischen Senats, der sich derzeit in der Ausarbeitung befindet, formuliert es treffend: Eben weil es extrem schwierig ist zu „deradikalisieren“, muss der Fokus auf der Vorbeugung liegen. Vorbeugen heißt aufdecken – auf nationaler Ebene geschieht das mit Hilfe einer gebührenfreien Hotline, die von der Antiterror-Koordinationseinheit (UCLAT) verwaltet wird, und auf lokaler Ebene mit Hilfe der Präfekten und Sicherheitsdienste unter der Leitung des Operativen Stabs für Terrorprävention (EMOPT).

Vorbeugen bedeutet auch ausbilden (20 000 öffentlich Bedienstete und Sozialarbeiter, die durch das Generalsekretariat des interministeriellen Ausschusses zur Kriminalitäts- und Radikalisierungsprävention eine spezielle Ausbildung erhalten).

Es bedeutet, der Radikalisierung in den Köpfen vorzubeugen. Zunächst in den Schulen, gegen Konspirationismus, der eine wahre Schleuse hin zur Radikalisierung darstellt. Zusätzlich zu den staatlichen Maßnahmen, und der Internetseite „Stop-djihadisme“ („Stopp den Dschihadismus“) des Informationsdienstes der Regierung ist es unser aller Aufgabe, einen „Gegendiskurs“ zu führen. Es gibt immer mehr Initiativen aus der Zivilgesellschaft, von Künstlern, Serienproduzenten, Netzaktivisten oder Gestaltern von Videospielen. Humor, wie ihn zum Beispiel der Regisseur Ismael Saidi in seinem Stück „Dschihad“ einsetzt, kann ein äußerst wirksames Präventionsmittel sein. Vertreter der Zivilgesellschaft, die als Muslime auftreten, und Verantwortliche der muslimischen Religionsgemeinschaft, bringen sich ebenfalls ein. Am 6. März haben wir uns mit denjenigen von ihnen, die sich in konkreten Initiativen zur Radikalisierungsprävention engagieren, getroffen, um in diesem und anderen Bereichen bewährte Praktiken aufzuzeigen und zu fördern.

Vorbeugen bedeutet, das Überlaufen als gefährdet bekannter Jugendlicher zu verhindern, sie wieder einzufangen „bevor sie die Brücke überschreiten“, wie unsere britischen Kollegen es ausdrücken.

Heute werden landesweit 2 400 gefährdete Jugendliche und 1 000 Familien betreut. Diese Betreuung erfolgt nicht mehr über Einrichtungen zur „Deradikalisierung“, wie sie in dem jüngsten Zwischenbericht des Senats angeprangert werden und die ohnehin nicht mehr mit uns zusammenarbeiten. Sie erfolgt größtenteils über „klassische“ soziale und medizinisch-soziale Einrichtungen und über Fachleute für Prävention, die mittels ihrer Netzwerke zur Eingliederung und Begleitung von entgleisenden Jugendlichen, Straffälligkeit eingeschlossen, aktiv werden und seit langem mit der Jugendgerichtshilfe zusammenarbeiten. Dazu zählen Jugendhäuser, Familienberatungsstellen, Streetworker, Beratungsstellen für Jugendliche, kommunale Anlaufstellen, der französische Psychiatrieverband.

Die jüngste Zwischenbilanz des Senats ist auch deshalb nützlich, weil sie den analytischen Ansatz befürwortet: Erhebung, Austausch und Einschätzung bewährter Praktiken der Netzwerke, intensivere Finanzkontrolle und stärkere qualitative Betreuung durch die Präfekturen anhand einer Aufstellung monatlicher Indikatoren, Entwicklung einer wissenschaftlichen Evaluierung.

Erste Analysen haben ergeben, dass die pluridisziplinäre Betreuung (soziale/psychologische/erzieherische) die besten Ergebnisse liefert. Dies zeigt sich zum Beispiel in Bordeaux, wo die Vereinigung CAPRI als lokale Partnerschaft auch Vertreter der muslimischen Religionsgemeinschaft mit einbezieht.

Nennenswerte Initiativen in diese Richtung gibt es auch in den Departements Haut-Rhin und Seine Saint-Denis sowie in den Städten Bordeaux, Marseille, Straßburg, Nîmes, Lille usw.

In Pontourny (Departement Indre-et-Loire) macht das Wiedereingliederungszentrum neue Erfahrungen mit dem sogenannten dritten Weg, der sich als Ergänzung zum offenen und klassischen Strafvollzug versteht. Auch daraus müssen natürlich die richtigen Lehren gezogen werden.

„Es gibt weder einfache Erfolge, noch ein definitives Scheitern “, so sagte Proust. Es gibt kein Allheilmittel, weder in Frankreich noch andernorts in Europa oder in der Welt. Die gesamte Gesellschaft war nach den Attentaten im Schockzustand, auch die Sozialarbeiter. Innerhalb von zwei Jahren hat man sich in Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft an eine neue öffentliche Politik der Radikalisierungsprävention herangetastet. Die nun eingeleitete Auswertung zeigt, dass es dabei gute Praktiken gibt, die gefördert werden müssen, und Fachleute, deren tatkräftiger Einsatz keine Schmach verdient."

Letzte Änderung 16/11/2017

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