Rede von Premierminister Édouard Philippe bei der Botschafterkonferenz [fr]

Paris, den 28. August 2019
Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Minister,
sehr geehrte Frau Staatssekretärin,
sehr geehrter Herr Staatssekretär,
sehr geehrte Botschafterinnen und Botschafter!

„Quandoque bonus dormitat Homerus“. Ich hätte unsere Französische Botschafterin beim Heiligen Stuhl gerne gebeten, uns dieses Zitat zu übersetzten, das wir Horace zu verdanken haben und das so viel bedeutet wie: „Auch Homer schläft zuweilen“. Ich hatte das Gefühl, dass im vergangenen Jahr einige aufgrund der von mir angesprochenen eher nüchternen Themen hinsichtlich der Reform der Netzwerke des Staates im Ausland dem Beispiel des Autors der Illias und der Odyssee gerne gefolgt wären. Ich werde mein Bestes geben, dass es dieses Mal anders ist. Genau wie Sie, hoffe ich.

Es gehört zum guten Ton, zu sagen, Frankreich sei ein unreformierbares Land. Das höre ich immer wieder, manchmal theoretisch untermauert durch eine Gegenüberstellung der angelsächsischen Welt, in der Reformen möglich seien, Reformen, die durch einen leisen, an Gleichstrom angeschlossenen elektrischen Motor angetrieben werden, und Frankreich, wo nur eine durch einen knatternden Explosionsmotor angetriebene Revolution möglich sei. Ich habe das nie geglaubt.

Als ich anfing, mich für das öffentliche Leben zu interessieren - im Jahr 1981, wer weiß, warum - war der Brotpreis noch reglementiert. Damals bezahlte man noch in Francs. Damals machte man noch einen Wehrdienst. Und die Dezentralisierung hatte noch nicht stattgefunden.

Seither haben sich die Dinge bedeutend geändert. Und unser Land hat sich trotz alledem, was man hören, sagen oder glauben mag, tief greifend verändert. Oft haben wir von der vollen Wirkung dieser Veränderungen erst Jahre, gar Jahrzehnte, nachdem sie durchgeführt wurden, profitieren können. Ich habe den Wehrdienst angesprochen, wir alle in diesem Raum erinnern uns an die Diskussionen, die im Vorfeld dieser Entscheidung stattgefunden haben. Eine Entscheidung, die umstritten gewesen sein mag. Das mag sie übrigens auch heute noch in gewissen Punkten sein. Dennoch konnten wir durch diese Entscheidung unseren militärischen Apparat anpassen, ihm eine Stärke und eine Professionalität verleihen, die zum Stolz beitragen, den wir für unser Land empfinden. Und was auf nationaler Ebene gilt, gilt auch auf lokaler Ebene: auch Städte haben sich unter der Wirkung der öffentlichen Maßnahmen tief greifend verändert (Bordeaux, Le Havre, Nantes oder Lyon).

Vor kurzem haben wir Veränderungen angeleitet, unter anderem sehr starke Veränderungen. Veränderungen, die schwierige Themen betroffen haben. Komplexe Themen. Themen, die in vielerlei Hinsicht als unreformierbar galten. Hierbei denke ich an den Schienenverkehr und an die Reform, die unter anderem zum Wegfall des Statuts der SNCF-Eisenbahner geführt hat. Oder an die Orientierung im Hochschulwesen. Die Schaffung des Parcours Sup hat den Zugang unserer Jugend zu Hochschulbildung tief greifend verändert. Und sie wird auch unsere Vorstellung des ersten Studienzyklus äußerst tief greifend verändern. Ich könnte außerdem die Reform der Rentenversicherung oder die des Baccalauréats erwähnen. Also ja, Frankreich verändert sich. Auf tief greifende Art und Weise. In fast allen Bereichen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens. Und das wird sich fortsetzen. Denn unser Feind ist nicht die Veränderung, sondern der Status quo.

Das ist die Essenz des Zweiten Akts der Amtszeit, den ich der Nationalversammlung im Juni im Zuge meiner Rede zur politischen Lage in Frankreich vorgestellt habe. Da Sie diese sicher live mitverfolgt haben - trotz der bedeutenden Zeitverschiebung für einige unter Ihnen - erspare ich Ihnen eine zweite Fassung. Im Grunde ist das Ziel dieses Zweiten Akts die Fortsetzung der Veränderung unseres Landes, jedoch mittels einer anderen Methode. Es muss dafür gesorgt werden, dass die vertikale und schlagende Geschwindigkeit des Beginns der Amtszeit durch die horizontale Kraft der Verständigung ersetzt wird. Verstehen Sie mich nicht falsch, die Methode ist anders, aber der Druck, der angewandt wird, um die Zukunft unseres Landes und die der französischen Bürger vorzubereiten, ist identisch.

Die Zukunft vorbereiten, bedeutet, den ökologischen Wandel unserer Wirtschaft und der Gesellschaft zu beschleunigen. Das tun wir durch Gesetzesentwürfe, die die Schaffung neuer Mechanismen ermöglichen. So wie es in einigen Wochen in der Nationalversammlung zu den Themen Wirtschaft und Kampf gegen Verschwendung der Fall sein wird. Das tun wir durch Investitionsmechanismen, die die Veränderung der Art und Weise, wie wir uns beispielsweise die energetische Sanierung von Gebäuden vorstellen, ermöglicht. Das tun wir durch diplomatische Maßnahmen, deren Triebfedern Ihnen allen bekannt sind. Das tun wir in allen Bereichen der Staatstätigkeit, um die biologische Vielfalt zu erhalten, um den Wandel unserer Landwirtschaft zu unterstützen. Das ist nie eine einfache Aufgabe, dennoch sind wir überzeugt, dass es sich um eine unerlässliche handelt.

Die Zukunft vorbereiten bedeutet auch, ein universales Rentensystem einzuführen. Ein System, das die gleichen Regeln für alle vorsieht, in einem Land, in dem es 42 verschiedene Rentenregelungen gibt. Ein System, das Sonderregelungen schrittweise und ohne dabei die wohlerworbenen Rechte zu beeinträchtigen, abschafft. Und das Anreize dafür schafft, länger zu arbeiten, um so die Entwicklung der Lebenserwartung zu berücksichtigen. Wir werden uns Zeit für Abstimmung nehmen. Mit den Gewerkschaften, deren Vertreter ich bereits nächste Woche empfangen werde. Aber auch mit den französischen Bürgern im Rahmen einer offenen Debatte, bei der sämtliche Situationen angesprochen und erörtert werden.

John Steinbeck schrieb leicht schelmisch zu Beginn von Kapitel 25 seines Romans „Die Straße der Ölsardinien“: „Selbstverständlich, man soll nie an Vorzeichen und Vorbedeutungen glauben; das tut doch kein vernünftiger Mensch. Sie glauben nicht daran, und es bewegt sie doch.“ So sollten auch einige Indikatoren und Ergebnisse uns bewegen. Umso mehr, wenn diese Ergebnisse aus Veränderungen resultieren, die wir angeleitet oder mit Leben erfüllt haben.

Ergebnisse erzielen wir auch zunehmend im Bereich der Beschäftigung. Kontinuierlich. Die Arbeitslosenquote ist gesunken und erreichte ihr Rekordtief seit zehn Jahren (8,5 % und sogar 8,2 % in Kontinentalfrankreich). Am meisten Arbeitsplätze wurden im Handel und in den KMU geschaffen.

Ergebnisse erzielen wir auch zunehmend in Sachen öffentliche Ausgaben. 2018 waren die Staatsschulden deutlich niedriger und beliefen sich das zweite Jahr in Folge auf 3 % des BIP. Zum ersten Mal in zehn Jahren konnten wir die Staatsschulden auf einem stabilen Niveau halten. Die haushaltspolitische Ernsthaftigkeit, das ist ein Rückgang der öffentlichen Ausgaben 2018 um 0,3 Volumenprozent: das ist beispiellos und alle Behörden haben zu diesem Ergebnis beigetragen. Ebenfalls beispiellos waren die Steuersenkungen! Betroffen von diesen Senkungen waren die Unternehmenssteuer, aber auch die Einkommensteuer von natürlichen Personen und die Abschaffung der Wohnsteuer, die zusammen bis Ende der Amtszeit 30 Mrd. Euro erreichen dürften.

Ergebnisse hat unser Land auch im Bereich der Auslandsinvestitionen erzielt. Zum ersten Mal in zehn Jahren hat Frankreich Deutschland überholt. Und ist dem Vereinigten Königreich auf den Fersen. Unser Land ist mit Abstand das erste Zielland in Europa für ausländische Investitionen in den Bereichen Industrie und FuE. Auf diesem Gebiet können wir uns noch weiter verbessern und jeder von uns kann sich dafür einsetzen. Ihnen sind die Auswirkungen der Treffen in Versailles 2018 und 2019 bekannt. Diese Art Treffen werden wir auch zukünftig veranstalten und ich wünsche mir, dass Sie den ausländischen Wirtschaftsakteuren systematisch darlegen, was wir tun und aus welchen Gründen Investitionen in Frankreich eine gute Idee sind.

Ergebnisse haben wir auch im Bereich des Außenhandels erzielt, in welchem Sie die Einrichtung von zentralen Anlaufstellen in unseren Regionen und im Ausland unterstützt haben. Es wäre zweifellos etwas unehrlich, dort einen ursächlichen Zusammenhang mit dem historischen Höhepunkt, den unsere Exporte 2018 erreicht haben, zu sehen. Dennoch können diese guten Zahlen als Folge eines wettbewerbsfähiger werdenden Landes gedeutet werden. Das erste Mal seit langem trägt der Außenhandel wieder zum Anstieg des BIP bei.

Ergebnisse haben wir auch im Tourismusbereich erzielt. Die Zahlen von 2018 sind hervorragend. Die von 2019 – die zu konsolidieren sind – dürften ebenfalls befriedigend sein. Und ich beziehe mich nicht nur auf die Anzahl von Touristen, sondern auch auf die Tourismusinvestitionen und die durchschnittlichen Ausgaben der ausländischen Touristen. Und dank der Stärkung des Netzwerks von Atout France durch das von Business France, das uns den Herkunftsmärkten noch näher bringen wird, sorgen wir dafür, dass es so weitergeht.

Erlauben Sie mir außerdem, etwas zur Aufnahme von ausländischen Studierenden zu sagen. Wir haben eine sehr gute Reform durchgeführt. Eine schwierige, aber umso notwendigere. Mit dem Ziel, in einem sehr wettbewerbsintensiven Kontext mehr ausländische Studierende anzuziehen.

Aber ohne dass diese Entwicklung durch eine preisliche Wettbewerbsfähigkeit erfolgt, sondern durch ein Angebot von Exzellenzbereichen, und unsere Fähigkeit, die Besten auszuwählen, wenn diese nicht in der Lage sind, nach Frankreich zu kommen. Es handelt sich dabei also um einen Paradigmenwechsel, der, wie ich weiß, in den Universitäten und diplomatischen Vertretungen für viel Aufregung gesorgt hat. Unser Ziel ist es, unser Hochschulsystem äußerst attraktiv zu gestalten. Ich möchte diesbezüglich anmerken, dass trotz der Erhöhung der Gebühren im Jahr 2019 – wobei uns diese Erhöhung nebenbei gesagt auf ein Niveau bringt, das im Hinblick auf die Aufnahme von ausländischen Studierenden immer noch deutlich niedriger ist als das anderer europäischer Länder und weit unter den tatsächlichen Ausbildungskosten liegt – die Zahl der ausländischen Studierenden in Frankreich nicht zurückgegangen ist. Glaubt man den jüngsten Zahlen der vorkonsularisch eingereichten Unterlagen sei die Zahl der Studierenden sogar um 2,4 % gestiegen. Das bedeutet, dass wir einen Ansatz verfolgen müssen, durch den die Modalitäten für die Aufnahme von ausländischen Studierenden verändert werden. Zudem lassen sich interessante Tendenzen beobachten, wie beispielsweise der Anstieg von Studierenden indischer Herkunft um 20 %.

All diese Ergebnisse sind umso bemerkenswerter, da sie durch die Umsetzung der Reform CAP 22 erzielt werden konnten. Trotz der Fragestellungen, ja sogar Bedenken, die diese Veränderung mit sich gebracht hat. Ein Jahr später wurde der Großteil der Arbeit getan, gut getan, und dafür möchte ich mich bei Ihnen bedanken.

Mittlerweise verfügen wir über ein Schema, das deutlicher, klarer wird, mit auf der einen Seite dem Quai d‘Orsay, das über eine bessere Verteilung der Netzwerke des Staates im Ausland nachdenkt, Land für Land und Branche für Branche, das nachdenkt, aber auch Garantiegeber für diese gute Verteilung ist, und auf der anderen Seite Botschaftern, die auf die gesamten Support-Ressourcen ihrer Botschaften zugreifen können und notwendige Entwicklungen ihrer Teams entsprechend der vorgegebenen politischen Prioritäten vorschlagen können.

Vielleicht haben Sie bereits von dem Rat gehört, den Choiseul Talleyrand gegeben haben soll, wie Chateaubriand in seinem Werk Erinnerungen von jenseits des Grabes berichtet: „Man darf sich nicht in die Akten verkriechen, sondern muss Leute finden, die einem das abnehmen. Dann hat der Tag mehr als vierundzwanzig Stunden.“ Diese Leute haben wir. Das sind Sie. Aber die beste Art und Weise, sich nicht in Akten zu verkriechen, ist es, ihre Verbreitung einzugrenzen. Durch die Beseitigung von Redundanzen und Silo-Denken. Jean-Yves Le Drian wird mir beantworten können, ob seine Tage nun endlich mehr als vierundzwanzig Stunden haben.

Das ist es also, kurz zusammengefasst, was wir unternehmen werden, um den Einfluss Frankreichs in der Welt zu steigern und zu entfalten. Ich könnte ebenso die Einführung der neuen Architektur der „Frankreich-Marke“ im Ausland anlässlich dieser Botschafterkonferenz erwähnen, die auf alle Netzwerke des Staates und ihre Mittlerorganisationen außerhalb der Grenzen anwendet werden wird. Sie werden vor Ort die Garantiegeber dafür sein.

Dennoch möchte ich verstärkt auf die Kohärenz zwischen den inneren und äußeren Veränderungen eingehen, zwischen dem was wir hier tun, um unser Land zu reparieren, es attraktiver und wettbewerbsfähiger zu machen, und der Veränderung unseres Netzwerkes im Ausland.

Denn die Stärke eines Landes hängt nicht nur von seinem diplomatischen Personal und seinen Streitkräften ab. So professionell und talentiert sie auch sein mögen. Sie hängt auch und gerade von den Millionen französischen Bürgern ab, die im Ausland schaffen, innovieren, produzieren, sich ausbilden, leiten und leben.

Es gehört auch zum guten Ton, über das Maß an Frankreichs Macht in der Welt zu debattieren. Der Staatspräsident hat gestern darauf hingewiesen, dass es sein Ziel ist, Frankreich zu ermöglichen, weiterhin eine ausgleichende Macht zu bleiben. Wir müssen wissen, ob Frankreich über die technischen, diplomatischen, militärischen, wirtschaftlichen und menschlichen Ressourcen verfügt, um seine Interessen, seine Werte und sein Weltbild zu verteidigen. Anlässlich des G7-Gipfels hat der Staatspräsident all jenen, die daran zweifeln, in Erinnerung gerufen, dass wir diese ausgleichende Macht sind. Wir müssen weiterhin in diese Richtung hinarbeiten.

Frankreich wird dies nach wir vor in Europa tun. Kürzlich haben Europawahlen stattgefunden. Ich werde weder erneut auf die Ergebnisse noch auf die Diskussionen eingehen, die ich persönlich als nützlich empfunden habe. In der Tat ist es immer nützlich, Klarheit zu schaffen, wenn sich die politischen Kräfte neu zusammensetzen beziehungsweise sich auflösen. Schaut man sich die Wahlbeteiligung der französischen Wähler an, bin ich wohl nicht der einzige, der diese als nützlich empfunden hat. Bei diesen Diskussionen hatte der Staatspräsident die Gelegenheit, seine Sichtweise eines „wiederauflebenden Europas“ darzulegen. Und genau diese Sichtweise werden wir mit dem neuen Europaparlament und der neuen Kommission mit Leben erfüllen. An Themen fehlt es nicht. Meinerseits halte ich zwei Hauptthemen fest, zumindest für die kommenden Monate.

Das erste ist selbstverständlich der Brexit. Vor einem Jahr war die Wahrscheinlichkeit, einen geordneten Austritt des Vereinigten Königreichs organisieren zu können, recht hoch. Diese Wahrscheinlichkeit ist mittlerweile deutlich gesunken. Es liegt in der Verantwortung der Regierung, das Land auf alle Eventualitäten, und auch auf die schwierigsten, vorzubereiten. Seit April 2018 haben die Regierung, die Behörden, an der Umsetzung eines natioanlen Plans zur Vorbereitung auf den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union ohne Abkommen gearbeitet. Ich selbst habe dessen Umsetzung am 17. Januar 2019 offiziell eingeleitet. Wie Sie wissen, wurde die Regierung durch ein am 19. Januar 2019 erlassenes Gesetz dazu befugt, in einer bestimmten Anzahl von Hauptbereichen Gesetze durch gesetzesvertretende Verordnungen zu verabschieden. Aktuell verfügen wir über einen kompletten Rechtsrahmen, der 7 gesetzesvertretende Verordnungen, 8 Dekrete und mehrere Verwaltungsanordnungen umfasst, um uns einem Austritt ohne Abkommen stellen zu können. Außerdem haben wir für die Durchführung der Grenzkontrollen zusätzliche Beamte eingestellt, darunter insbesondere mehrere hundert Zollbeamte und Tierärzte. In gut zwei Wochen, gegen Mitte September, werde ich ein Treffen mit allen betroffenen Ministerien leiten, um eine maximale Mobilisierung beizubehalten. Ich weiß, dass Sie die Entwicklung dieser Angelegenheit und die Entscheidungen unserer britischen Freunde alle sehr aufmerksam und manchmal etwas überrascht mitverfolgen, aber wir müssen vorbereitet sein und unsere Interessen verteidigen.

Die zweite große Priorität ist die Neugestaltung des Schengen-Raums. Europa ist ein komplett souveräner Raum, der darüber entscheidet und kontrolliert, wer in sein Gebiet einreisen kann oder nicht. Genau deshalb müssen wir „Schengen zurück auf seine beiden Beine stellen“: die interne Freizügigkeit, die ein wertvoller Besitzstand ist, auf der einen, und die externe Kontrolle auf der anderen Seite. Eins ist ohne das andere nicht denkbar.

Wie bereits vom Staatspräsidenten erwähnt, wird Frankreich gemeinsam mit seinen Partnern diesbezüglich Vorschläge unterbreiten. Auch müssen wir uns mit dem Thema in all seinen Dimensionen befassen, indem wir noch enger mit den Ursprungs- und Transitländern bezüglich Fragen zu Rückübernahme, Konditionalität unseres Beistands oder Zugang zu Visa zusammenarbeiten. Je präziser, strenger und entschlossener wir bezüglich dieser Fragen vorgehen, desto mehr schaffen wir in unseren Demokratien die Voraussetzungen für eine friedliche Debatte.

Schließlich müssen wir all das vorantreiben, womit wir in Frankreich begonnen haben. Dies hat uns dazu gebracht, eine Art Kontinuum des staatlichen Handelns in diesem Bereich zu schaffen, das von den Präfekturen bis zu den Botschaften reicht. Wir verfügen nunmehr über die Instrumente für eine präzise Überwachung der Schleuserkanäle. Ich habe es bereits in meiner Rede zur politischen Lage in Frankreich im Juni erwähnt: Wir müssen bestimmten Realitäten im Zusammenhang mit dem Migrationsdruck zwar nicht übermäßig, aber dennoch ohne falsche Zurückhaltung ins Auge blicken. Um uns beispielsweise zu vergewissern, dass die Asylantragsteller Frankreich aufgrund seiner Werte, seiner Sprache und seiner Kultur auswählen, und nicht etwa weil sein System vorteilhafter als das anderer europäischer Staaten sei. Auch zur Erhaltung des Asylrechts, das ein nationales Kulturgut ist. Im September wird die Nationalversammlung zum ersten Mal die Gelegenheit haben, über diese Fragen zu diskutieren. Und die Regierung wird daraus die nötigen Schlüsse ziehen.

Im Grunde liegt die Herausforderung für Europa darin, seine Souveränität wiederherzustellen. Darin, diese „Kontrolle“, von der der Staatspräsident gestern gesprochen hat, zurückzugewinnen. In einer Welt, in der nunmehr das Kräfteverhältnis vorherrscht. Die Gefahr liegt darin, dass Europa durch die Hintertür der Geschichte verschwindet. Und zur Spielwiese anderer Mächte wird. Die Kontrolle zurückzugewinnen, beinhaltet, sich mit den Instrumenten auszustatten, die es ermöglichen, dem Druck standzuhalten, und insbesondere der Extraterritorialität der amerikanischen Gesetze. Das beinhaltet aber auch, wie vom Staatspräsidenten gewollt, trotz der Schwierigkeiten wieder eine Beziehung zu Russland aufzubauen. Ich selbst habe mich dafür eingesetzt, indem ich Dmitri Medwedew letzten Monat in Le Havre empfangen habe.

Frankreich wird seine Werte also in Europa verteidigen. In Europa und in der Welt. Nicht um „die Welt neu zu erbauen“ sondern viel mehr um zu verhindern, dass die Welt „zerfällt“, um es mit den berühmten Worten von Albert Camus zu sagen.

Denn es ist niemandem entgangen, dass diese Welt, unsere Welt, im wahrsten Sinne des Wortes zerfällt. „Physisch“ „biologisch“, in allen Ländern, in denen Sie wohnen. Einschließlich in Frankreich. Wie viele andere habe ich einige Zeit gebraucht, um diese Angelegenheiten als genau so dringend wie die Verteidigung der Beschäftigung und der Sicherheit zu betrachten. Und wie viele andere betrachte ich sie mittlerweile als entscheidende Faktoren für die Beschäftigung, die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen, unsere Gesundheit und schließlich unsere Sicherheit. Ich werde auf die von mir ausgeführten Ankündigungen nicht erneut eingehen. Betonen möchte ich ausschließlich die vollkommene Kohärenz zwischen unserem Handeln in Frankreich, unserem Handeln in Europa und dem was wir auf internationaler Ebene vorantreiben werden. Und aufzeigen, inwiefern der einzige Weg zu einer effizienten Umweltdiplomatie in der Verbindung dieser drei Dimensionen liegt. Der Staatspräsident hat gestern auf die Dichte der diplomatischen Agenda zu diesen Themen hingewiesen.

Unsere Welt droht infolge der Vertiefung der Ungleichheiten innerlich zu zerfallen. Auch infolge der fehlenden Perspektiven, einschließlich in unseren industrialisierten Ländern. Ich werde hier nicht auf die Krise eingehen, die wir in Frankreich durchlebt haben und die in vielerlei Hinsicht noch nicht vorbei ist. Man wird mich nicht von der Idee abbringen, dass die in Frankreich geäußerte Unzufriedenheit woanders ebenfalls zum Ausdruck gebracht wurde, wenn auch auf eine andere Art und Weise. Ich glaube, dass die verheerende Verbindung des Verlusts der Kaufkraft der Mittelklasse während zehn Jahren, des Fehlens an Perspektiven für sich selbst und seine Kinder und des Gefühls von Distanz gegenüber den Entscheidungsprozessen nicht nur eine nationale Besorgnis, sondern ein internationales Thema ist. Und dass in bestimmter Hinsicht die Verringerung der Ungleichheiten Stück für Stück zu einem Gegenstand der globalen öffentlichen Ordnung wird. Aus diesem Grund wollte der Staatspräsident diesen Themen eine zentrale Stellung beim G7-Gipfel in Biarritz einräumen.

Letztlich zerfällt unsere Welt – die der Normen, die der Wahrung der Menschenwürde und des Privatlebens, die des angemessenen Beitrags – parallel zu ihrer Dematerialisierung. Auch zu diesem Thema ändert sich die öffentliche Meinung, fordert mehr Kontrolle, mehr Normen, Regulierung und Verantwortungsübernahme. Und die entschlossene, verantwortungsbewusste Position, die Frankreich bereits seit einiger Zeit einnimmt, setzt sich allmählich durch. Umso mehr, da diese Position, die Innovation gegenüber offen ist, aber auf festen Grundsätzen beruht, mit Initiativen einhergeht. So wird Frankreich das Pendant des IPCC, jedoch für künstliche Intelligenz, in der OECD ausrichten, wie es auch Gastgeber des TECH4GOOD-Gipfels war. Frankreich hat zudem gemeinsam mit der neuseeländischen Premierministerin Jacida Arden den Appel von Christchurch zur Bekämpfung der Verbreitung von terroristischen und extremistischen Inhalten im Netz gestartet. Initiativen, die bei uns in Frankreich entstehen und fortgesetzt werden, und für die wir in Europa eintreten. Man kann nicht „real“ sein wenn es darum geht, Geld zu verdienen, und virtuell, sobald die Rechtstaatlichkeit gewahrt werden muss. Dann entsteht so etwas wie ein Bug.

„Craft and Consciousness“/„Savoir-faire et conscience“ (dt.: „Können und Bewusstsein“)! Manchmal sagt der Titel alles. Insbesondere dieser Titel, der der Niederschrift des Interviews zwischen dem amerikanischen Literaturkritiker Steven Marcus und Norman Mailer aus dem Jahr 1963. Um ehrlich zu sein, hat dieses Interview, das in einem Sammelband mit dem ähnlich aussagekräftigen Titel „Morceaux de bravoure“ (dt: „Bravurstücke“) veröffentlicht wurde, nicht viel mit internationalen Beziehungen zu tun. In dem Interview geht es um die Bedeutung von Stil in der Literatur. Aber letztendlich ist Stil nicht nur in der Literatur von Bedeutung. Sondern auch in der Diplomatie. In den letzten Tagen wurden uns Stilunterschiede auf äußerst anschauliche Art und Weise vor Augen geführt.

Wie dem auch sei, der Titel „Craft and Consciousness“/„Savoir-faire et conscience“/„Können und Bewusstsein“ fasst Ihre Aufgabe meiner Meinung nach recht gut zusammen. Eine Aufgabe, die darin besteht, Ihr immenses Können, das der französischen Diplomatie, in den Dienst unserer Werte zu stellen. Und in den einer Art Bewusstsein. Sei es, wenn es darum geht, an das Bewusstsein der – staatlichen oder nichtstaatlichen – Entscheidungsträger zu appellieren. Oder darum, das geäußerte individuelle und kollektive Bewusstsein weiterzuleiten. Ich denke hierbei an das Bewusstsein der jungen Generationen. Und wie es Mailer sehr gut am Ende seines Interviews zum Ausdruck bringt, erreicht man im besten Fall das Bewusstsein seiner Epoche und beeinflusst somit indirekt den Lauf der Geschichte, jener, die gleich nach einem kommt. Ich habe das Gefühl, dass jene, die direkt nach uns kommen, mehr denn je auf uns und auf Sie zählen.

Vielen Dank.

Letzte Änderung 09/09/2019

Seitenanfang