Rede von Staatspräsident Emmanuel Macron anlässlich der Unterzeichnung des Vertrags von Aachen [fr]

Aachen, den 22. Januar 2019

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, liebe Angela Merkel,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister von Aachen,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen,
sehr geehrter Herr Präsident Rumäniens,
sehr geehrter Herr Präsident des Europäischen Rats,
sehr geehrter Herr Präsident der Europäischen Kommission, liebe Freunde,
sehr geehrter Herr Präsident des Senats,
sehr geehrter Herr Präsident der Nationalversammlung,
sehr geehrter Herr Präsident des Bundesrats,
sehr geehrte Damen und Herren Parlamentsmitglieder,
sehr geehrte Ministerinnen und Minister,
sehr geehrter Herr Präsident des Bundesverfassungsgerichts,
sehr geehrte Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten,
sehr geehrte Präsidentinnen und Präsidenten der Regionalräte, der Departementräte,
sehr geehrte Bürgermeisterinnen und Bürgermeister,
sehr geehrte Botschafterinnen und Botschafter,
liebe Freunde,

als Konrad Adenauer und General de Gaulle im Januar 1963 den Elysée-Vertrag unterzeichneten, besiegelten sie damit die Aussöhnung zwischen unseren beiden Ländern, die seit Kriegsende vorbereitet und gefestigt worden war. Sie setzten sich all dem entgegen, was andernfalls zu einer erneuten Spaltung hätte führen können.

Heute ist diese Aussöhnung eine Tatsache, eine Selbstverständlichkeit, und wir unterschätzen bestimmt zuweilen, welch mächtige Bedeutung dieses historische Wunder für unsere beiden Länder und für Europa hat. Wir haben seitdem so viele Hürden genommen. Wir haben gelernt, unserer Geschichte ins Gesicht zu sehen.

Weil heute unsere Freundschaft stärker ist, konnten wir 2018 – am Hartmannswillerkopf, am Triumphbogen, an der Lichtung von Rethondes und im Bundestag – der Kämpfe gedenken, die uns gestern entzweiten. Ich möchte an dieser Stelle meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen: Mein Dank gilt all den Entscheidungsträgern unserer beiden Länder, die vor uns da waren; mein Dank gilt allen politisch Verantwortlichen, die über die Jahrzehnte vor Ort Schritt für Schritt die Verbindungen zwischen unseren Regionen und Städten aufgebaut haben; mein Dank gilt all jenen, die für Annäherung zwischen unseren Zivilgesellschaften und Jugendlichen gesorgt haben, damit heute etwas entstehen kann, was damals undenkbar schien.

Diese Freundschaft hat seit 1963 an Stärke gewonnen, auch wenn der Weg nicht immer eben war. Ich möchte Bundeskanzler Adenauer und General de Gaulle an dieser Stelle ganz besonders würdigen: Was sie vollbracht haben, ist einzigartig, und ich glaube, sie wären stolz und gerührt, zu sehen, dass ihr Vertrag 56 Jahre später weiter lebt und wirkt, dass sich unsere Freundschaft auf ganz Europa – ein endlich geeintes Europa – ausgeweitet hat und dass wir die Kraft finden, allem und jedem zum Trotz, gemeinsam ein neues Kapitel zu beschreiten.

Ich möchte hier auch Bundeskanzlerin Angela Merkel meine Anerkennung für ihr Engagement zollen; sie hat Frankreich stets zur Seite gestanden, sie hat Europa stets zur Seite gestanden. Seit ich Staatspräsident bin, haben wir uns – beide, wenn ich das so sagen darf – stets von drei europapolitischen Grundsätzen leiten lassen: niemals der Konfrontation nachgeben, sondern immer offen und ohne Tabus miteinander sprechen; das deutsch-französische Fundament stets weiter stärken, so auch heute, denn dieses deutsch-französische Fundament ist unverzichtbar in einem wankenden Europa; und unser Handeln auf alle europäischen Partner ausweiten. Denn in Europa erreicht man nichts im Allein- oder Zweigang. Deswegen ist dieser Vertrag heute so wichtig und deswegen ist Ihre Anwesenheit, sehr geehrte Herren Präsidenten der europäischen Institutionen, lieber Jean-Claude, lieber Donald, lieber Klaus, weitaus mehr als ein Symbol.

Heute beschreiten wir mit dem Vertrag von Aachen ein neues Kapitel in den Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich. Aufbauend auf die Aussöhnung bereiten wir den Boden für eine neue Etappe. In einer Zeit, in der unser Europa von nationalistischen Bestrebungen aus dem Innern bedroht wird, in der Europa durch einen schmerzhaften Brexit angeschlagen ist, in der Europa besorgt ist ob der großen Umbrüche auf internationaler Ebene, die weit über die nationalen Grenzen hinausgehen – Klima, digitaler Wandel, Terrorismus, Einwanderung – Umbrüche, die das europäische Modell zuweilen heftig treffen und unsere Identität in der Welt und in Europa in Frage stellen; in dieser Zeit müssen Deutschland und Frankreich Verantwortung übernehmen und den Weg vorgeben: den Weg der ehrgeizigen Ziele, der wahrhaftigen Souveränität und des Schutzes der Völker. Sie müssen vor allem zeigen, wie viel erwachsene Nationen, die in Frieden leben und um die Zukunft der Völker bemüht sind, dadurch gewinnen, dass sie in Bereichen zusammengehen, die unsere Nationen und unseren Kontinent stärken und letztlich unabhängiger machen. Denn die Bedrohung kommt heute im Grunde nicht mehr vom Nachbarn. Sie kommt von außerhalb Europas und aus dem Innern unserer Gesellschaften, wenn wir nicht in der Lage sind, auf die donnernde Wut zu reagieren.

Wir können gemeinsam dieser neuen deutsch-französischen Verantwortung für Europa gerecht werden, indem wir ehrgeizig nach Konvergenz streben – Konvergenz bei unseren Sozialsystemen, unserer Innovationspolitik, unseren Standards, unserer Verteidigung, unserer strategischen Kultur, durch diese neue Annäherung zwischen unseren Bürgerinnen und Bürgern, zwischen den Jugendlichen, zwischen unseren Kulturen, zwischen unseren Gemeinden, durch die Bekräftigung einer neuen Solidarität angesichts der aktuellen Bedrohungen.

Sie haben gerade den Vertrag beschrieben, Frau Bundeskanzlerin. Vieles von dem, was hier festgeschrieben wurde, war vor einigen Jahren noch undenkbar. Die Solidarität in Sachen Verteidigung, die wir hier festgeschrieben haben, ist einzigartig. Sie bildet den Endpunkt einer jahrzehntelangen Spaltung. Sie steht für unseren Schutz und unsere Verteidigung. Durch die vereinbarte Zusammenarbeit in Kultur, Bildung und Innovation nutzen wir unsere Fähigkeit, unsere Völker auf all diese Bedrohungen und Herausforderungen vorzubereiten, und tragen mit an den ehrgeizigen Zielen der Welt. In den Bereichen Wirtschaft und Soziales wollen wir unsere Gesellschaften aufeinander zubewegen und die mitunter seit vielen Jahren bestehenden Unterschiede abbauen. Wir haben festgeschrieben, die Grenzregionen einander anzunähern und eine neue Dynamik zu schaffen, die der Alltagsrealität sehr vieler unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger entspricht. Auch durch Symbole und Gesten, die das alltägliche Leben zehntausender Grenzgänger erleichtern, schaffen wir diese Einheit.

Einheit, Solidarität und Zusammenhalt sind die Grundgedanken dieses Vertrags. Europa würde eine Spaltung nicht überleben, es würde daran zugrunde gehen. Und genau da liegt die neue deutsch-französische Verantwortung für Europa: Europa braucht die notwendigen Instrumente, um souverän handeln zu können in Sachen Verteidigung, Sicherheit, Zugang zum Weltraum, Migration und mit Blick auf den ökologischen und digitalen Wandel.

Die Konflikte zwischen Deutschland und Frankreich haben die Welt in Schutt und Asche gelegt. Es war unsere Pflicht, dem ein für alle Mal ein Ende zu bereiten. Das haben wir erreicht. Unser gemeinsames Ziel muss es nun sein, Europa zu einem Schutzschild unserer Völker gegen die neuen Stürme in der Welt zu machen. Das ist heute unsere Herausforderung. Das ist der neue Schutz, den wir brauchen. Es geht um unsere Fähigkeit, zu zeigen und zu demonstrieren, dass die Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich, dass unsere gemeinsamen Projekte und unsere Ziele für Europa den wahren Schutz bieten und es wirklich möglich machen, unser Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen und unser Schicksal in dieser Welt frei zu gestalten.

Jene, die den Wert der deutsch-französischen Aussöhnung vergessen, machen sich an den Verbrechen der Vergangenheit mit schuldig. Jene, die die Geschichte verzerren oder Lügen verbreiten, schaden ihr und unseren Völkern, die sie zu verteidigen vorgeben, indem sie unsere Geschichte verfälschen. Ich betrachte unser Europa lieber, wie es ist. Europa geht es manchmal schlecht. Wir kommen manchmal nicht schnell genug voran. Aber schauen Sie sich auch all das an, was wir in den letzten Jahrzehnten erreicht haben, all das, was wir in den letzten Monaten erreicht haben, und all das, was noch vor uns liegt. Ich betrachte Europa lieber, wie es ist. Ein Europa, das standhält und das wir jeden Tag stärken müssen, auch über den Schritt hinaus, den wir heute gehen. Weil wir dem Vertrag, den wir heute schließen, morgen auch Taten folgen lassen müssen. Und weil die Welt und alle Bürgerinnen und Bürger dieses Europa brauchen, weil eine immer stärkere Antwort auf die immer größeren Unsicherheiten erforderlich ist.

Ja, ich schaue lieber gemeinsam mit Ihnen auf dieses Europa, das voranschreitet, das wir mit ehrgeizigen Zielen und mit Kraft aufbauen und das sich auch auf unsere starke Freundschaft stützt, auf die neue Konvergenz, auf die neuen Zielen, die wir heute mit diesem Vertrag auf den Weg bringen.

Meine Damen und Herren, liebe Freunde, wir lieben unsere Vaterländer, und weil wir unsere Vaterländer lieben, wollen wir nicht vergessen, was sie zuweilen in das Verderben stürzte: der Hass gegeneinander, krankhafte Ressentiments, das fehlende Bewusstsein dafür, was unsere Kulturen einander immer wieder gebracht haben. Ja, wir lieben unsere Vaterländer, und wir lieben Europa, weil wir wissen, dass sie tief und untrennbar miteinander verbunden sind. Frau Bundeskanzlerin, liebe Angela, sie haben es gesagt: Wir befinden uns hier an einem Ort, der die tiefen Wurzeln dieses Europas verkörpert, aus dem wir hervorgegangen sind. Wir kommen also hier zusammen und erleben wieder das schlagende Herz unserer gemeinsamen Geschichte, die sich auch immer wiederholt hat. Aber was wir seit 70 Jahren erdacht haben, ist einzigartig. Das ist weder römische, noch karolingische Geschichte. Das sind keine Träume von Imperien, die mal Dominanz und mal auf Abhängigkeit voneinander schafften. Nein, es ist ein ganz neues Projekt, ohne Hegemonieanspruch, ein grundlegend demokratisches Projekt. Das ist eine Erfindung, die wir gemeinsam auf den Weg gebracht haben. Ein Projekt, das wir aus freien Stücken vereinbart, das wir gewählt haben und das wir jeden Tag neu erfinden; wo nicht einer für einen anderen oder für andere entscheidet, sondern wo alle Mitglieder immer wieder gemeinsam im eigenen Interesse entscheiden. Unser Europa ist kein neuer Traum eines Imperiums, sondern ein neues demokratisches Projekt. Das feiern wir heute. Und in dieser Stadt Karls des Großen feiern wir heute, dass wir uns, von einer Sprache zur anderen, von einem Traum zum anderen, bei allen Unterschieden immer auch bewusst sind, wie uns diese Unterschiede bereichern.

Frau Bundeskanzlerin, Herr Präsident, als ich Sie eben sprechen hörte, fielen mir die rührenden Worte Madame de Staëls ein, die zuweilen sagte: „Wenn mein Herz ein Wort auf Französisch sucht, das es nicht findet, dann suche ich es manchmal in der deutschen Sprache.“ Es gibt Worte, die man nicht begreift, die man nicht übersetzen kann. Aber jeder unserer Schritte sorgt für ein Stück weniger Unübersetzbarkeit. Und es gibt Worte, die jeder in seiner eigenen Sprache braucht, denn auch das Unverständliche bringt uns einander näher. Das, was ich im Deutschen nicht verstehe, kann einen romantischen Charme haben, der im Französischen vielleicht nicht mehr möglich ist. Das ist unbegreiflich und irrational, aber wir müssen dieses Unbegreifliche und Irrationale wertschätzen, das in keinem unserer Verträge geschrieben stehen wird, denn das ist das lebendige, das magische Element dessen, was uns heute hier zusammenbringt und was uns ausmacht. Ja, wir lieben unsere Vaterländer, wir lieben unsere Freundschaft und das, was uns verbindet, und wir lieben Europa. Und weil wir Europa lieben, haben wir beschlossen, weiter an Europa zu bauen, mit Stärke, Begeisterung und Entschlossenheit.

Es lebe unsere Freundschaft. Es lebe Europa.

Letzte Änderung 02/07/2019

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