Rede von Staatspräsident François Hollande bei seiner Amtseinführung

Paris, 15. Mai 2012

Sehr geehrter Herr Präsident,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

an diesem Tag, da mir die höchsten Aufgaben des Staates übertragen werden, möchte ich den Franzosen eine Botschaft des Vertrauens übermitteln.

Wir sind ein großes Land, dem es in seiner Geschichte stets gelungen ist, Prüfungen standzuhalten und die Herausforderungen anzunehmen, die sich ihm stellten. Das ist ihm jedes Mal gelungen, und es ist sich dabei selbst treu geblieben. Es ist dabei stets über sich hinausgewachsen und hat sich geöffnet; es hat sich nie klein gemacht und zurückgezogen.

Am 6. Mai habe ich vom französischen Volk das Mandat erhalten, Frankreich im Zeichen der Gerechtigkeit wieder aufzurichten. Einen neuen Weg in Europa zu ebnen. Zum Frieden in der Welt und zum Erhalt des Planeten beizutragen.

Ich weiß, wie schwer die Zwänge auf uns lasten, denen wir uns stellen müssen: eine massive Verschuldung, ein schwaches Wachstum, eine hohe Arbeitslosigkeit, eine schlechte Wettbewerbsfähigkeit und ein Europa, das Mühe hat, aus der Krise herauszukommen.

Doch bekräftige ich hier an dieser Stelle: Solange uns ein gemeinsamer Wille antreibt, eine klare Richtung vorgegeben ist und wir unsere Kräfte und unsere Stärken voll und ganz zum Einsatz bringen, sind die Dinge nicht unausweichlich. Und unsere Stärken sind beachtlich: die Produktivität unserer Arbeitskraft, die Exzellenz unserer Forscher, die Dynamik unserer Unternehmen, die Arbeit unserer Landwirte, die Qualität unserer öffentlichen Dienstleistungen, die Strahlkraft unserer Kultur und unserer Sprache und nicht zu vergessen unsere vitale demografische Entwicklung und der Tatendrang unserer Jugend.

Die wichtigste Voraussetzung für wiedererlangtes Vertrauen ist die Einheit der Nation. Unsere Unterschiede dürfen nicht zur Spaltung führen. Unsere Vielfalt nicht zu Zwietracht. Das Land braucht Befriedung, Versöhnung, Sammlung. Es ist die Rolle des Präsidenten der Republik, dazu beizutragen. Darauf hinzuwirken, dass alle Franzosen unterschiedslos nach denselben Werten zusammen leben, nämlich den Werten der Republik. Das ist meine hoheitliche Pflicht. Unabhängig davon, wie alt wir sind, welche Überzeugungen wir haben, wo wir leben – im Mutterland oder in Übersee – in unseren Städten wie in ländlichen Gebieten, wir sind Frankreich. Ein Frankreich, das nicht gegen ein anderes steht, sondern ein Frankreich, das in einer Schicksalsgemeinschaft vereint ist.

Und ich werde bei jeder Gelegenheit unsere unantastbaren Grundsätze der Laizität bekräftigen, wie ich mich auch gegen Rassismus, Antisemitismus und jegliche Art von Diskriminierung stellen werde.

Vertrauen – das bedeutet auch Beispielhaftigkeit.

Als Präsident der Republik werde ich voll und ganz die außerordentliche Verantwortung für diese hohe Aufgabe übernehmen. Ich werde Prioritäten festlegen, aber ich werde nicht alles und nicht anstelle aller entscheiden. Verfassungsgemäß wird die Regierung die Politik der Nation bestimmen und leiten. Das Parlament wird in seinen Rechten geachtet werden. Die Gerichtsbarkeit wird über alle Garantien ihrer Unabhängigkeit verfügen. Die Staatsgewalt wird in Würde, aber auch in Einfachheit ausgeübt werden. Mit großen Zielsetzungen für das Land. Und mit absoluter Mäßigung. Der Staat wird unvoreingenommen sein, weil er das Eigentum aller Franzosen ist und nicht nur derer, denen die Verantwortung für ihn übertragen wurde. Die Regeln zur Ernennung der öffentlichen Entscheidungsträger werden festgeschrieben. Loyalität, Kompetenz sowie Sinn für das Allgemeinwohl sind die einzigen Kriterien, die mich in der Wahl der höchsten Diener des Staates leiten. Frankreich hat das Glück, über einen hochwertigen öffentlichen Dienst zu verfügen. Ihm gilt meine Anerkennung und auch die Erwartung, die ich in ihn und in jeden einzelnen Mitarbeiter setze. Vertrauen liegt in der Demokratie selbst. Ich glaube an die lokale Demokratie, und ich gedenke, sie durch weitere die Dezentralisierung zu beleben, die zu neuen Freiheiten für die Entwicklung unserer Gebietskörperschaften führen soll.

Ich glaube an die soziale Demokratie, und es sollen neue Verhandlungsräume für die Sozialpartner geöffnet werden, die ich respektieren werde, die Arbeitnehmer- wie die Arbeitgebervertreter. Ich glaube an die Bürgerdemokratie, an die Demokratie der Bürgervereine und des gesellschaftlichen Engagements, die unterstützt werden soll für die Millionen ehrenamtlich Tätigen, die sich dort einbringen.

Vertrauen beruht auch auf der Gerechtigkeit bei Entscheidungen. Der Gerechtigkeit in der Vorstellung von Wertschöpfung an sich. Es ist an der Zeit, die Produktion wieder vor die Spekulation zu stellen, Zukunftsinvestitionen vor gegenwärtige Befriedigungen, nachhaltige Beschäftigung vor unmittelbaren Profit. Es ist an der Zeit, den energetischen und ökologischen Wandel in Angriff zu nehmen. Es ist an der Zeit, neue Horizonte für die technologische Entwicklung und die Innovation zu eröffnen. Gerechtigkeit aber auch in der Verteilung der Anstrengungen, die unbedingt notwendig sind. Man darf nicht den einen, von denen es immer mehr gibt, Opfer abverlangen, und den anderen, von denen es immer weniger gibt, Privilegien einräumen. Darin liegt der Sinn der Reformen, die die Regierung in dem Bemühen durchführen wird, Einsatz, Arbeit, Initiativkraft zu belohnen und übersteigerten Renditen und Einkommen entgegenzuwirken.

Gerechtigkeit wird das Kriterium sein, das jeder öffentlichen Entscheidung zugrunde liegt.

Und nicht zuletzt ist Vertrauen das, was die Republik der Jugend schenken muss. Ich werde der Jugend wieder den Platz einräumen, der ihr gebührt, nämlich den wichtigsten. Es ist das Fundament, auf dem mein Engagement für die republikanische Schule ruht, denn ihre Aufgabe ist lebenswichtig für den Zusammenhalt unseres Landes und den Erfolg unserer Wirtschaft. Es ist der Wille, der mich leitet, wenn es um die Erneuerung der beruflichen Bildung geht, um die Begleitung der Jugendlichen auf ihrem Weg in die Beschäftigung und um die Bekämpfung der Prekarität. Es ist auch diese schöne Vorstellung von einem Freiwilligendienst, den ich wieder in Schwung bringen möchte.

Meine Damen und Herren,
am heutigen Tag schauen viele Völker erwartungsvoll auf uns, vor allem in Europa.

Europa braucht Projekte, um die Krise zu überwinden, unter der es leidet. Es braucht Solidarität. Es braucht Wachstum. Ich werde unseren Partnern einen neuen Pakt vorschlagen, in dem der notwendige Abbau der öffentlichen Schulden verknüpft ist mit unverzichtbaren Anreizen für die Wirtschaft. Und ich werde ihnen sagen, wie notwendig es für unseren Kontinent ist, in einer so instabilen Welt nicht nur seine Werte, sondern auch seine Interessen zu schützen, ganz im Sinne des Gegenseitigkeitsprinzips in den Handelsbeziehungen.

Frankreich ist eine Nation, die der Welt verpflichtet ist. Aufgrund seiner Geschichte, seiner Kultur, seiner humanistischen, universellen, freiheitlichen Werte nimmt es in der Welt einen einzigartigen Platz ein. Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte ist um die Welt gegangen. Wir müssen sie bewahren und uns an die Seite aller demokratischen Kräfte in der Welt stellen, die sich auf ihre Grundsätze berufen. Frankreich wird alle Völker achten; es wird überall seiner Bestimmung treu bleiben und die Freiheit der Völker, die Ehre der Unterdrückten, die Würde der Frauen verteidigen,

Heute, da ich die Aufgabe erhalte, die Geschicke unseres Landes zu leiten und es in der Welt zu vertreten, möchte ich meine Vorgänger würdigen; all jene, die vor mir die Verantwortung trugen, die Republik zu führen: Charles de Gaulle, der sein Ansehen in den Dienst der Größe und der Souveränität Frankreichs gestellt hat, Georges Pompidou, der in der industriellen Entwicklung eine nationale Herausforderung sah, Valéry Giscard d’Estaing, der die Modernisierung der Gesellschaft angestoßen hat, François Mitterrand, der die Freiheiten und den sozialen Fortschritt so weit vorangebracht hat, Jacques Chirac, dem die Werte der Republik ein Anliegen waren, Nicolas Sarkozy, dem ich alles Gute für das neue Leben wünsche, das vor ihm liegt.

Es lebe die Republik.
Es lebe Frankreich.

Letzte Änderung 22/05/2012

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