Rede von Staatspräsident Macron beim Staatsakt für Helmut Kohl [fr]

Staatspräsident Emmanuel Macron unterstrich in seiner Rede beim Trauerakt zu Ehren des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl am 1. Juli 2017 in Straßburg die herausragende Bedeutung des Verstorbenen für das europäische Aufbauwerk und seine von Neugier und Respekt getragene Beziehung zu Frankreich. Helmut Kohl habe Europa gelehrt, dass es bei allem Pragmatismus, Realitätssinn und politischem Geschick „Ideale, im Lichte der Freundschaft und der Fülle eines Lebens (seien), die unseren Projekten Leben einhauchen“. Im Sinne dieser Erkenntnis gäbe es in Europa keinen Anlass zur Resignation, sondern viel mehr Grund zu realistischem Optimismus, so der Staatspräsident.

Rede im Wortlaut

(…) Danke, dass Sie Straßburg als Ort für den heutigen Trauerakt ausgewählt haben, eine der bedeutendsten Stätten unseres Europa, mit dem Helmut Kohl so sehr verbunden war und für das er soviel getan hat. Erlauben Sie mir, gleich zu Anfang der gestern verstorbenen Simone Veil zu gedenken, die erste Frau, die als Abgeordnete zur Präsidenten des Europäischen Parlaments gewählt wurde, und die um den Preis unseres Europa wusste, das aus der unauslöschlichen Erfahrung des Todes geboren wurde.

Wir sind heute hier versammelt, um das Gedenken an Helmut Kohl zu würdigen und, mehr noch als das Gedenken an ihn, das an seine Spuren in der Geschichte. Mehrere von Ihnen haben mit tiefer Bewegtheit über die gemeinsamen Momente mit ihm gesprochen. Für meine Generation ist Helmut Kohl bereits ein Teil der europäischen Geschichte.

Ohne diese Lebenserfahrung könnten wir nicht da sein, nicht gestalten. Es sind historisch bedeutsame Entscheidungen, mutige Handlungen, ohne die unsere Generation um ihre Entscheidungsfreiheit gebracht wäre. Es wurden bereits Tausende Seiten zu Ehren seines Handelns geschrieben: die Wiedervereinigung Deutschlands, das europäische Aufbauwerk, Sie haben es erwähnt. Er war auch der Mann, der mehrmals mutige Entscheidungen getroffen hat, manchmal gegen die öffentliche Meinung, manchmal obwohl man nicht mit ihnen gerechnet oder sie nicht gewünscht hat.

Als französischer Staatspräsident möchte ich nicht, dass sein Erbe sich auf eine politische Bilanz beschränkt, so beachtenswert sie auch sei. Denn die Lektion, die er uns erteilt, ist umfassender. Ja, Helmut Kohl war für Frankreich ein bevorzugter Gesprächspartner, ein wesentlicher Verbündeter, ein unermüdlicher Erbauer. Aber er war mehr als das. Er war ein Freund. Seine Beziehung zu Frankreich entstand aus seinen persönlichen, familiären, historischen Erinnerungen und war durchdrungen von der Neugier des gebürtigen Rheinländers gegenüber seinen Nachbarn. Er richtete seinen Blick stets auf die andere Seite des Flusses, der hier neben uns fließt, und zog Brücken Grenzen, ja manchmal Mauern vor.

Diese Beziehung war von bedingungslosem Respekt geprägt, von einem Respekt, den man Fanatismus und Gewaltsamkeit vorzieht. Als die Franzosen Anfang der 80er Jahre führende Politiker wählten, deren wirtschaftliche Entscheidungen einige unserer Partner verwirrten, reichte uns Helmut Kohl die Hand und schob so die Vorbehalte einiger seiner politischen Freunde beiseite. Als uns anschließend die nationalen Streitigkeiten gespaltet haben, unter anderem zum Thema Europa, hielt er standhaft an seinem Vertrauen in uns fest. Und als die deutsche Wiedervereinigung kam, setzte er seine gesamte Energie dafür ein, Europa zu stärken statt es zu schwächen.

Frankreich verstand es, dieser beständigen Freundschaft gerecht zu werden. Nach Charles de Gaulles und Konrad Adenauer, nach Valéry Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt, die die mächtigen Grundlagen Europas geschaffen haben, trugen François Mitterand und Helmut Kohl die Fackel weiter. Beide schafften es, die tragischen Erfahrungen ihrer eigenen Generation zu überwinden. Beide schafften es, aus Völkern, die sich bekämpften, aufrichtig befreundete Völker zu machen.

So haben Helmut Kohl und François Mitterand, dann Jacques Chirac mit Bravour gezeigt, dass Europa nur dann groß ist, wenn auch das Wohlwollen groß ist, das es inspiriert, und auch die Freundschaft, auf der es gründet. Erinnern wir uns an jenen 4. Januar 1990, als Helmut Kohl François Mitterand in seinem Landhaus in Latche besucht hat. Nach mehreren Wochen voller offener Fragen zum Thema deutsche Wiedervereinigung hat dieser Besuch den beiden Männern ermöglicht, bei ausgedehnten Spaziergängen über alle Themen zu sprechen. Diese Komplizenschaft zweier Wanderer hat die Einigung besiegelt. Denn das Schicksal der Welt spielt sich in solchen Augenblicken auf der menschlichen Ebene ab.

Helmut Kohl und François Mitterrand haben ebenso gezeigt, dass auch Brüderlichkeit manchmal ihre Wirkung verlieren kann, nämlich dann, wenn sie die Menschen nicht mehr wirklich verbindet. Man muss sie stets festigen und manchmal muss man das Risiko einzugehen wissen, sie in Verträgen und Institutionen festzuschreiben. In Jacques Delors haben sie den sichersten Mittler für dieses Vorhaben gefunden und was sie gemeinsam errichtet haben, war beispiellos. Das ist es, was uns heute eint.

Und denen, die heute vorgeben, dass die europäischen Institutionen und Verträge nur leere technokratische Konstrukte sind, möchte ich hier vor Helmut Kohl sagen: Das liegt daran, dass Sie die Freundschaft ausgeklammert haben. Das liegt daran, dass Sie die Flamme haben erlöschen lassen, in der sie geschmiedet wurden. Das liegt daran, dass sie die Schicksale derer vergessen haben, die sie errichtet haben. Das liegt daran, dass Sie diejenigen sind, die entscheiden, dass dieses Europa technokratisch sein soll.

Doch was ist die Botschaft seines Lebens, was ist die Spur seines Schicksals? Es besteht darin, uns zu zeigen, dass unser heute vereintes Europa die Summe der Geschichte mehrerer Generationen ist. Es ist die Summe der Schicksale von Menschen, die sich entschlossen haben, sich über das zu erheben, was für sie bestimmt war, die den Mut hatten, sich gegen den Hass und manchmal gegen die Angst zu erheben. Welches Bauwerk verliert nicht seine Daseinsberechtigung und sogar seine Schönheit, wenn es nicht mehr bewohnt wird?

Das sind die Lektionen, die Helmut Kohl Frankreich und allen Europäern gelehrt hat: Pragmatismus, Realitätssinn und politisches Geschick sind unheimlich nützlich, aber sie erschaffen nichts. Es sind die Ideale, im Lichte der Freundschaft und der Fülle eines Lebens, die unseren Projekten Leben einhauchen, die sie dauerhaft verankern. All dem möchte ich mit Angela Merkel wieder einen Sinn, Realität und Dichte verleihen.

Eines Tages wird die Geschichte auch über uns urteilen. Die Zugeständnisse, die wir aufgrund von kurzfristigen Überlegungen geschlossen haben, aufgrund von nationalen Egoismen oder weil der gewählte Weg der einfachste war, werden schwer wiegen. Was aber in die Geschichte eingehen wird, ist die Ehrlichkeit, mit der wir am Frieden und der Eintracht der Völker festhalten. Das ist unser Engagement im Dienste des europäischen Projekts, das heute Voraussetzung dafür ist. Das ist die tiefe Freundschaft, die aus unserer gemeinsamen Geschichte, unseren so eng miteinander verflochtenen Kulturen und den gemeinsam bewältigten Prüfungen entstanden ist.

Und wenn wir angesichts dieser immensen Aufgabe manchmal zweifeln, soll es uns genügen, an die große Persönlichkeit Helmut Kohl zu denken mit all der Dankbarkeit, die wir ihm schuldig sind. Erinnern wir uns an die Worte, die all das zusammenfassen: „Wir haben heute überhaupt keinen Anlass zur Resignation. Wir haben viel mehr Grund zu realistischem Optimismus.“

Noch lange werden wir aus seinem Beispiel das Nötige schöpfen, um gemeinsam voranzugehen: Mut und Hoffnung.

Letzte Änderung 15/11/2017

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