Staatspräsident Macron auf der Frankfurter Buchmesse [fr]

Frankreich war unter dem Motto Francfort en français - Frankfurt auf Französisch Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse (11.-15. Oktober 2017).

Wir dokumentieren die Rede zur Eröffnung der Buchmesse, die Staatspräsident Emmanuel Macron am 10.10.2017 hielt, im Wortlaut.

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Rede von Staatspräsident Emmanuel Macron anlässlich der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse, 10. Oktober 2017

[Anrede]

"ich bin sehr stolz und glücklich, heute vor ihnen zu sprechen und vielleicht auch das Sprachrohr Vieler zu sein, die ich hier im Saal sehe oder vermute, und ich danke Ihnen Frau Bundeskanzlerin, für den Empfang, den Sie mir bereitet haben, ich danke Ihnen, Herr Oberbürgermeister, für den Empfang in Ihrer Stadt, und ich danke ganz besonders den Organisatoren der Frankfurter Buchmesse, dem Direktor wie dem Generalkommissar.

Sie empfangen heute Frankreich als Gast und mit Frankreich auch die Frankophonie und all jene, die sich entschieden haben, die beschlossen haben oder die das Leben dazu gebracht hat, ihren Gedanken auf Französisch Ausdruck zu verleihen, auf Französisch zu handeln, zu denken und zu schreiben. Ich möchte Ihnen, lieber Wajdi Mouawad, sagen, dass in diesem Saal viele Autoren und Verleger anwesend sind, die ebenso eine Scherbe im Mund tragen, und dass genau das, was Sie ausdrücken, die französische Sprache ausmacht. Sie gehört nicht denjenigen, die als Franzosen geboren wurden, sondern all jenen, die sich entschließen, die Worte dieser Sprache zu benutzen und sich dadurch entschließen, zu sagen, was sie gesehen, erlebt und ersonnen haben, sich entschließen, nicht mehr zu bellen, sondern zu sprechen, in dieser Sprache, auch wenn sie eine Sprache ist, in der Sie Zuflucht suchen.

Und diese Sprache war immer stark und sie wird dadurch immer stärker, dass sie eine aufnehmende Sprache ist und genau jene Vorstellungswelten aus allen Erdteilen aufnimmt, die sich entschließen, sich über sie vermitteln zu lassen. Mit Ihrem Entschluss, Frankreich als Ehrengast einzuladen, haben Sie, Frau Bundeskanzlerin, Herr Direktor, Herr Generalkommissar, sich entschlossen, all Jenen Ehre zuteilwerden zu lassen, die genau diese Wahl getroffen haben, die sich für die französische Sprache entschieden haben.

Erlauben Sie mir, um den Sinn meiner Anwesenheit hier zu veranschaulichen, mich auf eine Anekdote unserer gemeinsamen Geschichte zu berufen. Ein Tag im Januar 1830 in dieser Stadt. In einem Gespräch mit seinem Freund Eckermann wird Goethe von einer fast beispiellosen Begeisterung ergriffen. Er ist nicht mehr ganz jung und trägt hier in der Stadt seinen „Faust“ vor - so berichtet es zumindest Eckermann - und dies mit einer fast neu erwachten Begeisterung, denn er spricht auf Französisch. Denn Goethe, der schon über 80 war, hatte die Übersetzung seines „Faust“ des 19-jährigen französischen Dichters Gérard de Nerval erhalten. So überraschte er mit folgendem Satz: „Im Deutschen mag ich den Faust nicht mehr lesen; aber in dieser französischen Übersetzung wirkt alles wieder durchaus frisch, neu und geistreich“. 20 Jahre später unternahm Gérard de Nerval eine Reise nach Deutschland und hielt in Frankfurt, wo er der Goethe-Statue seine Ehre erweisen und Goethes Geburtshaus besuchen wollte – mit einem ergreifenden Gefühl des Respekts, von dem er später berichten sollte.

Hier zeigt sich die ganze Geschichte der Beziehung zwischen Frankreich und Deutschland. Man muss nur an dem Faden ziehen, den unglaublichen Dialogstrang abwickeln, auf dem unsere beiden Länder, unsere beiden Völker, unsere beiden Kulturen gründen. Frankreich und die Frankophonie heute, 28 Jahre nach dem letzten Mal, wieder hier als Gastland zu empfangen, bedeutet, den Faden wieder aufzunehmen, denn unsere gemeinsame Geschichte gäbe es nicht ohne das gewaltige Stimmengewirr der unterschiedlichen Denkwelten, die seit Jahrhunderten im Gespräch miteinander stehen, sich gegenseitig lesen, aufeinander reagieren, sich gegenseitig beeinflussen, miteinander streiten, sich anfreunden, sich achten.

Unser 18. Jahrhundert ist von diesem Dialog erfüllt. Die französische Enzyklopädie ist nicht französisch, sie nährt sich aus dem lebhaften intellektuellen Diskurs der Zeit: Antworten auf Kant, Diskussionen mit den Gebrüdern Grimm und so viele weitere Kontroversen, die Europa in jener Zeit beherrschen. Kriege, Rivalitäten und unfassbare Tragödien haben diesen Dialog zertrennt oder zumindest versucht ihn zu zertrennen. Mehrfach haben sie die Verbindungen, die zwischen unseren Nationen geknüpft worden waren, zunichte gemacht, aber nie, nie haben es Hass oder Rache vermocht, diese Grundbeziehung zu zerstören, auf deren Grundlage Frankreich und Deutschland seit Jahrhunderten gemeinsam vorangehen, sich aufeinander beziehen, miteinander sprechen.

Diese Beziehung ist im mittelalterlichen Europa verwurzelt, in Ihrem Karl dem Großen, der, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, auch der Unsrige war, im Humanismus der Renaissance; und seit wir Franzosen sind, haben wir aufmerksam und fasziniert den Stimmen aus Deutschland gelauscht, und die Deutschen haben die Stimmen aus Frankreich immer gehört und verstanden. Und dieses intime, uralte Band bedurfte eines Vehikels – das verdeutlicht auch die Episode aus dem Leben Goethes, die ich gerade beschrieben habe – und dieses Vehikel war das Buch.

In und mit Hilfe von Büchern haben Frankreich und Deutschland das Wissen übereinander aufgebaut: Reiseberichte, alte Märchen, Gedichte, Romane, Philosophie – nichts des Anderen ist uns fremd. Unzählbar sind die Leser, Kritiker, Gelehrte, die auf beiden Seiten unserer Grenzen die Werke von der anderen Seite bis ins letzte Detail analysiert haben; seit Jahrhunderten lesen wir unablässig gegenseitig unsere Werke, übersetzen und interpretieren sie. Und die heftigsten Streitigkeiten, Kritiken und öffentliche Kontroversen haben dieses Band zwischen uns nur stärker werden lassen. Und – das muss ich hier zugeben – es gibt Deutsche, die eine fundiertere Kenntnis der französischen Sprache und Kultur besitzen als die meisten Franzosen, und umgekehrt gilt das auch.

Wer hat Baudelaire je besser verstanden als Walter Benjamin? Ich muss auf jeden Fall sagen, dass ich als Jugendlicher Baudelaire dank eines deutschen Philosophen etwas besser verstanden habe, glaube ich. Wer hat Nietzsche besser begriffen als André Gide? Wer hat die mittelalterlichen Erzählungen Deutschlands besser vermittelt als Michel Tournier? Auf beiden Seiten der Grenze hatten wir diese Kritiker, diese Vermittler, diese Erzähler, die innerhalb dieser intimen Verbindung zwischen unseren beiden Ländern dafür gesorgt haben, dass Manche uns besser verstanden als wir uns selbst.

All dies, dieses Erbe, diese Querverbindungen und verflochtenen Wege, tragen wir, tragen Sie, meine Damen und Herren, nun weiter. Und diese Buchmesse, zu der wir heute zusammenkommen, ist nicht nur eine Fachmesse, ein Handelstreffen oder diplomatisches Unterfangen – auch wenn ich Ihnen für all dies danke und all jenen danke, die es möglich gemacht haben. Hier und heute zeigt sich vor allem, was uns verbindet. Was Sie durch Ihre Anwesenheit hier ehren, ist ein Moment, in dem sich unsere beiden Länder als das begegnen, was sie sind: zwei lebendige Nationen, die die Welt weiter denken, die sich umschauen, sich Fragen stellen und dabei einen zwangsläufig vielfältigen und pluralistischen Blick entwickeln, die sich austauschen, sich unterhalten, sich beraten und dabei nach wie vor, und ich würde sogar sagen unbedingt, auf Bücher setzen.

Bücher sind – so sagte es schon Flaubert – das Beste, was wir haben. Das Beste für uns, das Beste für unsere Kinder, das Beste für die Welt, die uns umgibt, denn ein sorgfältiger Umgang mit unseren Schriftstellern, Dichtern, Intellektuellen, Dramaturgen und natürlich unseren Künstlern aller Sparten ist das Wertvollste, was wir in dieser Welt von heute haben. Und Sie haben es gerade einer nach dem anderen auf ein Neues gezeigt. Bücher sind es, die das menschliche Gewissen hinterfragen, die vorgefasste Meinungen ins Wanken bringt. Letztlich haben wir kein wirksameres Mittel gegen all die derzeitigen Versuche, unüberwindbare Mauern zwischen den Menschen zu errichten, Misstrauen und Hass im Bewusstsein der Menschen zu sähen und ihr Denken auf die Niederungen des Fanatismus und Dogmatismus zu reduzieren.

Das Buch, der Scharfsinn von Sprache, ihr Anspruch, auch mal ihre Herbheit, das, was uns immer wieder auf das geschriebene Wort zurückgreifen lässt, das ist es, was uns davor bewahrt, in trennenden Identitäten zu verharren. Auch bewahrt es uns davor, der Angst nachzugeben, der Zwietracht, der Brutalität. Bücher, von Hand zu Hand Gereichtes, von Autor zum Leser leise getragenes Wort, Bücher sorgen dafür, dass das Bewusstsein der Menschen in diesem kritischen, berührenden und fortwährenden Dialog verweilt. Nichts währt so lange wie Bücher. Nichts kann so große Wirkung entfalten wie der Dialog der Bücher und das Gespräch der Schriftsteller; es ist daher an uns, dafür zu sorgen, dass dieses Gespräch immer lebendiger, fruchtbarer wird, und es ist an uns, in jedem Einzelnen den Ausdruck unserer Ängste, Eroberungen, Landschaften und des Unbegreiflichen zu erkennen.

Seit Jahrhunderten gleicht die Beziehung zwischen Frankreich und Deutschland einem äußerst wertvollen Zwiegespräch und damit das so bleibt, müssen wir beide weiterhin das Erlernen der jeweils anderen Sprache als absolute Priorität betrachten. Ich will die französische Sprache hochhalten, ich halte sie hoch, aber als etwas, das über Nation Frankreichs hinausgeht, als einen Kontinent, auf dem sich jedes eroberte Fleckchen nicht gegen ein anderes stellt, sondern das Andere aufnimmt. Die französische Sprache ist nur in der Vielsprachigkeit stark. Die Identität der französischen Sprache ist nur da vollkommen ergründet und ausgelebt, wo sie sich an anderen Sprachen, an deren Übersetzungen und deren Wissen reibt. Deshalb habe ich verfügt, dass zum Schuljahresbeginn überall, überall dort, wo es gewünscht und möglich war, und in allen Klassen der Republik, wo es einst so war, wieder Zweisprachenklassen eröffnen.

Seit September lernen mehr als 550 000 französische Schülerinnen und Schüler in den Collèges Deutsch, weil die Frankophonie stärker ist, wenn sie sich innerhalb dieses Dialogs zwischen europäischen Sprachen und insbesondere zwischen unseren Sprachen entwickelt, weil sie daraus ihre Kraft zieht und sie nur in dieser Reibung, diesem Austausch wirklich lebt.

Deshalb möchte ich auch, dass wir die Erasmus-Programme noch weiter ausbauen, damit mindestens die Hälfte der jungen Menschen in Frankreich bis zu ihrem 25. Lebensjahr sechs Monate in einem europäischen Land verbracht hat. Das ist möglich und wir werden es verwirklichen. Damit die jungen Französinnen und Franzosen weiterhin zunehmend Deutsch lernen können, sich aber auch entscheiden können, mit allen Sprachen unseres Europas auf Tuchfühlung zu gehen, denn es gibt keine minderwertige Sprache, wie es auch keine minderwertige Kultur gibt, weil unsere Vielfalt eine unerschöpfliche Ressource ist. So möchte ich, dass unsere jungen Leute mindestens zwei europäische Sprachen sprechen, aber drei oder vier wäre auch kein unerreichbares Ziel.

Ich gehe sogar so weit, mir zu wünschen, dass wir das Russische wieder in den Schoß der europäischen Sprachen holen, die russische Sprache, das sich durch die gesamte europäische Kultur zieht. Wir sollten keine Angst haben vor Kulturen, die an der Schwelle zu Europa stehen! Europa ist aus dieser Vielsprachigkeit erwachsen, die jede unserer Einzelsprachen stark gemacht hat, die unsere Vorstellungswelten durch die Begegnung mit dem Anderen bereichert hat. Diese Entzückung, die ich vorhin im Zusammenhang mit Goethe erwähnt habe, erinnere ich mich, in ähnlicher Form auch bei Benjamin Constant oder Madame de Staël gelesen zu haben; es war in etwa dieselbe freudige Erregung. Constant sagte, dass er sich im Französischen mittlerweile langweile, dass er aber im Deutschen die Kraft der Empfindungen, der Gefühle wiederfände, und in seinem „Adolphe“ geht es genau darum. Er spricht in seinem Werk gewiss nicht vom ‚Bellen‘ als Sprachlosigkeit, aber davon, wie Liebesbeziehungen und starke Gefühle den Menschen sprachlos machen, und er nur durch das Deutsche einen Weg aus der Sprachlosigkeit findet, durch die Sprache des Freundes, die dem Französischen seinen ganzen Sinn zurückgibt.

Ja, ich möchte also, dass unser Europa, für das wir gemeinsam mit der Bundeskanzlerin ein Projekt der Neubegründung vorantreiben wollen, auf diesen vielfältigen Sprachen beruht, auf dem Wissensaustausch, auf dem starken Willen, sich für unsere Studierenden einzusetzen. Darum geht es in dem Vorhaben, bis 2022 zehn vollwertige europäische Universitäten einzurichten, die einheitliche Studienpläne und einen gemeinsamen Grundstock haben, auf dem die Studierenden im Bachelor, Master und Promotionsstudium aufbauen können und somit bereits in Europa zu Hause sind. Diese Europa-Universität soll nicht an einem einzigen Standort angesiedelt werden, um den wir dann konkurrieren. Nein, sie wird an mehreren Orten Europas sein. Das ist der wahre Sinn der universellen Ausrichtung unserer Universitäten. Ich möchte daher auch, dass die Lehrpläne unserer Sekundarschulen überarbeitet werden, damit unsere Jugendlichen überall in Europa herumkommen können, dass wir den Bologna-Prozess, den wir in unseren Universitäten umgesetzt haben, für alle, die möchten, in Europa in die Sekundarschulen bringen und damit einen gemeinsamen Prozess haben, durch den die Jüngsten und ihre Eltern die Möglichkeit erhalten, zwischen unseren Ländern und Sprachen zu reisen.

Wer die Sprachen kennt, kennt die Bücher. Und hier kommt den Übersetzern eine herausragende Rolle zu. Ich will es heute nicht versäumen, ihnen die gebührende Anerkennung zu zollen. Denn übersetzen bedeutet, die erste Aufgabe unserer Diplomaten zu übernehmen, manchmal sogar deren Kernaufgabe; es bedeutet, kleine Missverständnisse auszuräumen, zu vermitteln. Ohne Übersetzer gibt es keine Mehrsprachigkeit. Unsere beiden Länder verdanken all jenen sehr viel, die übersetzen, die von Ausgangs- zu Zieltext nicht zwei aneinander vorbei lebende Wirklichkeiten entstehen lassen, die aneinander vorbeigehen, sondern zwei Texte, die miteinander interagieren, mit ihren Entsprechungen und ihren unausweichlichen Unverständlichkeiten, ihren Unübersetzbarkeiten, wie einige von Ihnen in diesem Raum sagen würden.

Aber trotz dieser Unübersetzbarkeiten, die in unseren Gefühlen begründet sind, in der jeweiligen Geschichte unserer Länder, in der Tatsache, dass unsere Worte das Ergebnis dieser Geschichte sind, verdanken wir den Übersetzern unermesslich viel. Keine Software wird jemals René Char übersetzen wie Peter Handke es tut, oder Hölderlin wie Philippe Jaccottet. Niemals, weil die Kunst der Übersetzung in den Auslassungen liegt, in der Art, wie man den Satz zum Atmen bringt. In dem verstandenen Missverständnis liegt der Fingerzeig.

All das verdanken wir unseren Übersetzern. Unsere Länder brauchen also nicht nur gemeinsame Sprachen, sondern auch die Übersetzung von Literatur und deren Unübersetzbarkeiten. Daher möchte ich, dass wir, was unsere beiden Sprachen angeht, weiterhin diese wunderbare Übersetzungsarbeit fördern. Und ich möchte, dass wir gemeinsam mit allen französischen Verlegern über das bemerkenswerte Engagement, das sie bereits an den Tag legen, hinaus, all jene, die übersetzen, noch stärker würdigen. So werden wir mit der Kulturministerin wieder einen echten Preis für französische Übersetzungen schaffen und Sie, verehrte Verleger, Autoren und Übersetzer in dieser großartigen Arbeit unterstützen und sie noch stärker hervorheben.

Und über diesen wesentlichen Dialog zwischen Frankreich und Deutschland hinaus wollen wir uns gemeinsam mit der Bundeskanzlerin für die Kultur, für unsere Sprachen, für unsere Bücher stark machen. Ohne Kultur gibt es kein Europa. Sie haben vorhin freundlicherweise die Rede angesprochen, die ich gehalten habe, nachdem wir uns, Frau Bundeskanzlerin, liebe Angela, eng darüber abgestimmt hatten. Als ich darüber gesprochen habe, was Europa zusammenhält, habe ich über die Kultur gesprochen. Es gibt keinen Flecken auf der Welt, wenn man es sich einmal genau überlegt, wo es so viele Sprachen, so viele Kulturen, so viele kleine Unterschiede gibt wie im Herzen Europas.

Daher müsste es eigentlich in Europa und vielmehr in Mitteleuropa weltweit die größte Zahl an Konflikten geben. Und es war ja auch so: In Europa hat es lange Zeit weltweit am meisten Konflikte gegeben. Doch wir haben es vermocht, zu Gleichgewicht und Frieden zu finden – durch die Kultur. Und zwar dadurch, dass alles Fremde nicht mehr als eine Bedrohung unserer Identität wahrgenommen wurde, sondern als dieses Andersartige, das uns bereichert.

Dieses Europa der Übersetzer, der Brückenbauer, der vielfältigen Sprachen, der Bücher; dieses Europa der Cafés, von dem der Fremdsprachenvirtuose und herausragende Gelehrte George Steiner spricht; es ist dieses Europa des Denkens und der Kultur, das über die Kriege gesiegt hat.

Es ist das Europa von Erasmus, das all unsere Zerwürfnisse überwunden hat! Es ist das Europa von Zweig, der Erasmus neu interpretiert hat. Betrachten Sie unseren Kontinent als das „Palimpsest" nicht nur unserer Unterschiede, sondern dieser Kultur, die uns verbindet. Ja, Europa neu zu begründen bedeutet auch, nicht nur unsere Kultur zu verteidigen, oder - wie manche gerne sagen - eine „kulturelle Ausnahme“ zu verteidigen! Für mich geht es nicht darum, etwas zu verteidigen. Ich möchte Neues erobern! Es gibt für mich keine „Ausnahme“, für die es zu werben gilt. Es gibt höchstens ab und an Ausnahmen, die manche uns gerne auferlegen würden, und die es zu bekämpfen gilt!

Das Europa der Kultur, das müssen wir erobern. Europa muss in der Lage sein, durch seine kreative Vorstellungskraft unseren Kontinent in die weite Welt zu tragen. Durch unsere Autoren, die jeden Tag schaffen, erfinden, schreiben. Durch unsere Fähigkeit, die Sprachen Europas weltweit erklingen zu lassen!

Ja, Europa verfügt heute über brillante Erfinder, die uns neue digitale Nutzungswege an die Hand gegeben haben. Das sind ausgezeichnete wirtschaftliche Chancen, und wir werden sie ergreifen. Aber auch Schutzmechanismen müssen wir schaffen! Wir müssen neue Regeln aufstellen, weil unser Kontinent die rechtlichen Vorschriften etablieren muss, die in dieser digitalen Welt zu gelten haben.

Doch diejenigen, die Inhalte verbreiten, sind nicht die Kreativen! Diejenigen, die Texte veröffentlichen, sind nicht die Autoren! Diejenigen, die dafür sorgen, dass die Inhalte noch größere Verbreitung finden – was eine ungeheure Chance darstellt –, haben diese Inhalte nicht selbst erdacht! Also ja, die wirklichen Autoren, all jene, die – im ursprünglichen Sinne des Wortes – die Autorität in diesem Prozess haben, sind diejenigen, die schreiben, die übersetzen, die einen Teil dieser Zivilisation schaffen und nach außen tragen, welche wir über die neuen Nutzungswege verbreiten können.

Wir irren, wenn wir glauben, dass die Technologie über die Vorstellungskraft herrschen sollte. Wir irren, wenn wir glauben, dass wir uns - fast schon geduckt - verteidigen sollten, um diese oder jene Ausnahme als Frucht einer weit zurückliegenden Vergangenheit zu schützen. Sie, die Autoren, sind heute hier! Sie haben eine Stimme! Diese Stimme ist kraftvoll, sie ist unnachgiebig. Sie alle haben Ihr eigenes Universum, und genau das ist wertvoll! Genau das suchen junge Deutsche und Franzosen bei dem jeweils Anderen! Wir werden also in den europäischen Debatten jetzt und in Zukunft den Beitrag schützen, den die Autoren leisten; die Rechte der Autoren, Übersetzer, Journalisten und all jener, die ein Bewusstsein zum Ausdruck bringen, etwas Kreatives erschaffen! Aber nicht als ob es darum ginge, eine Ausnahme zu verteidigen. Sondern weil es das ist, was uns zusammenhält! Weil es das ist, was unser eigenes politisches Bewusstsein geprägt hat, mit all seinen Kontroversen und kritischen Seiten, und das brauchen wir. Und wir werden uns sogar gegen die Ausnahmen auflehnen, die man uns zuweilen auferlegen möchte, um diese Rechte zu schmälern! Weil sie voll und ganz zum Tragen kommen müssen. Und wir werden uns in den kommenden Monaten auch dafür einsetzen, dass die europäische Auffassung von Privatsphäre, Datenschutz und -verwertung verstanden und verteidigt wird. Nicht nur auf unserem Kontinent, sondern weltweit. Und dass das, was wir über die Jahrhunderte hinweg aufgebaut haben, was uns ausmacht, verteidigt wird.

Das Europa der Kultur ist auch das Europa der Museen; das Europa unseres Kulturerbes; dazu gehört nicht nur das Buch, sondern gleichermaßen auch unsere Bauten, die Zeugnisse unsere vielfältigen Empfindungen, unsere Malereien und musikalische Werke, die es zu verteidigen gilt. So werden wir gemeinsam mit der Bundeskanzlerin mehrere Initiativen ergreifen müssen, einmal in Hinblick auf die Tagung zum Thema europäisches Kulturerbe und auch um uns für unsere Musik stark zu machen, die es uns bisweilen ermöglicht, gewisse Unübersetzbarkeiten mit Begeisterung zu überspielen. Kurz: Wir werden die Kultur weiterhin verteidigen, nicht als etwas, dessen Fortbestand bedroht wäre, sondern als etwas, das den Kern dessen bildet, was uns zusammenhält.

Sie alle hier wissen, dass ein Buch ein ausgezeichnetes Mittel zur Selbstbefreiung sein kann. Für manch andere ist es hingegen ein machtvolles Instrument der Propaganda, um Ängste zu schüren. Und mit diesem Thema komme ich auch zum Schluss. Ich möchte, dass die Verbindung zwischen unseren beiden Ländern und unser gemeinsames Engagement für das Buch, für die Kultur, für die Frankophonie und im weiteren Sinne für unsere Sprachen im Rahmen dieser Veranstaltung einen Beitrag zu dem Zivilisationskampf leistet, von dem Sie eben gesprochen haben, Herr Boos. Wir kämpfen unablässig für unsere Freiheiten, für unsere individuellen Freiheiten, für die Rechte der Intellektuellen, der Journalisten. Und gemeinsam mit der Kanzlerin verteidigen wir sie überall, damit sie auch da wieder erobert werden, wo sie verdrängt wurden; damit all jene, die es nötig haben, verteidigt werden.

Weil das, was in unseren Büchern und in unseren Sprachen steckt, einen Teil dieser europäischen Zivilisation ausmacht, die uns eigen ist. Eben einen Teil dieser Freiheit, die wir verteidigen; diesen unwiderruflichen Teil Europas. Und deshalb glaube ich an den Kampf für die Kultur. Weil wir diesen Kampf nicht anderen überlassen dürfen, nicht Amerika, nicht China, nicht Russland, nicht Afrika und auch nicht Südamerika - ungeachtet der Freundschaft, die wir diesen Ländern entgegenbringen! Weil wir in Europa dieses einzigartige Modell haben, in dem wir an die Demokratie, an die individuellen Freiheiten, an die Marktwirtschaft, an soziale Gerechtigkeit und an diesen Austausch zwischen Sprachen glauben. Das ist Europa. In jeder unserer Sprachen, in jedem unserer Bücher steckt etwas davon.

Machen Sie sich während der kommenden Tage bewusst, dass Sie einen Teil dieser europäischen Vorstellungswelt in sich tragen, die wir brauchen. Für den Kampf, den wir fechten müssen, um Europa neu zu begründen, um den Terrorismus zu besiegen, um gegen die Schwächung unseres Wertesystems und gegen aggressive nationalistische Strömungen anzukämpfen, die es in jedem unserer Länder gibt, brauchen wir diese kraftvolle, positive, europäische und vielfältige Vorstellungskraft. Nicht Belehrungen, Beschimpfung oder Ausgrenzung bringen unsere Mitbürger immer wieder in den Kern dessen zurück, was uns ausmacht! Sondern vielmehr die Möglichkeit, sich in einem Buch wiederzufinden, in einer Übersetzung, in einer Vorstellungswelt, die sie anspricht, die Möglichkeit, von einer ausgestreckten Hand berührt zu werden. Ihre Bedeutung für das Gelingen dieses politischen Projekts ist also gewaltig.

Gestatten Sie mir abschließend ein kleines Bekenntnis. Einige hier im Saal wissen es, es gibt einen französischen Philosophen, dem ich sehr viel zu verdanken habe, der mich gelehrt, unterstützt und mir vertraut hat: Paul Ricœur. Und Paul Ricœur, verehrte Frau Bundeskanzlerin, hatte ein ungewöhnliches Verhältnis zu Deutschland. Er verlor seinen Vater während des Ersten Weltkriegs, wurde also sehr früh Waise. Und während des Zweiten Weltkriegs kam er in Kriegsgefangenschaft.

Doch auch während des Kriegs hörte Paul Ricœur nicht auf zu unterrichten. Er brachte seinen Kameraden Philosophie bei, und er hatte ein Buch von Husserl auf Deutsch bei sich, das er übersetzte, mit Bleistift an den Buchrändern, über den ganzen Krieg hinweg. Wenn ich mich nicht irre, erschien zwei Jahre nach Kriegsende die erste französische Übersetzung von Husserl. Und sie war von Paul Ricœur. Er hätte damals allen Grund gehabt, dem trennenden Abgrund zwischen unsere beiden Länder nachzugeben. Doch hatte er die Sprache des Anderen gelernt. Er hatte Lehrer gehabt, die ihm diese Brücke bauten, er hatte deutsche Dichter gelesen, die ihn berührten, und deutsche und österreichische Philosophen entdeckt, die ihn bewegten und überzeugten. Ricœur wurde nie müde, das Übersetzen zwischen unseren beiden Sprachen und Ländern zu verteidigen, im Buch und durch das Buch.

Und durch meine Anwesenheit heute möchte ich Paul Ricœur ein wenig zurückgeben – ich bin ihm natürlich noch viel mehr schuldig, ich will das heute nicht schmälern. Das gilt auch für all jene, die auf Französisch schreiben. Und deshalb sind unsere beiden Länder unzertrennbar. All jene hier in diesem Saal, die schreiben, übersetzen, veröffentlichen oder verlegen, tragen eine ungeheuer große Verantwortung. Denn auch Sie fechten diesen Kampf, den wir gemeinsam mit der Bundeskanzlerin zu bestreiten haben. Diesen Zivilisationskampf, diesen moralischen Kampf, damit all das gewinnt, was uns vereint und all das besiegt werden kann, was uns entzweit. Damit der Verstand siegt. Und zwar immer dann, wenn alles ‚zum Bellen‘ scheint.

Heute auf dieser Buchmesse in Frankfurt sollten wir uns bewusst, entschlossen und aus vollem Herzen als Kinder von Goethe und Nerval verstehen.

Ich danke Ihnen."

Letzte Änderung 20/02/2018

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